Exklusiv: Wynton Rufer im Interview

»Ich wollte schon aufhören«

Wynton Rufer stürmte für Bremen und Lautern. Er wurde Meister, Pokalsieger und Europacupgewinner. Hier spricht »Kiwi« über Otto Rehhagels Verhältnis zu den Spielerfrauen und seine schlitzohrigen Elfmeter. Exklusiv: Wynton Rufer im InterviewImago Hallo, Herr Rufer. Nach langen Jahren als Profi von Werder Bremen und dem 1. FC Kaiserslautern leben Sie mittlerweile wieder in Ihrer Heimat Neuseeland. Dort gilt Rugby nach wie vor als die beliebteste Sportart. Wie sind Sie denn in jungen Jahren überhaupt zum Fußball gekommen?

Neuseeland ist ein sehr sportbegeistertes Land und wir haben schon in den 60er Jahren großes geleistet, zum Beispiel bei den Olympischen Spielen. Sportart Nummer Eins ist und bleibt sicher Rugby mit unseren »All Blacks«. Das liegt uns im Blut und ist eine ganz wichtige Sache für alle Neuseeländer.

[ad]

Warum sind Sie dann nicht auch Rugby-Spieler geworden?

Ich habe mich schon sehr früh mit Fußball befasst. Die Beziehung zu England war ganz stark. Schon in den 70er Jahren gab es bei uns in Neuseeland ein Fernsehprogramm mit dem Namen »The Big Match«. Da wurden viele Spiele der englischen First Division in einer Sendung zusammengefasst, fast so wie die Sportschau in Deutschland. Das war ein ganz großer Reiz für mich und so kam auch meine Begeisterung für Fußball. Mein Vorbild als Stürmer war aber kein englischer Spieler, sondern Pele.

Sie haben ja zunächst in England und in der Schweiz gespielt, bevor Sie in der Bundesliga landeten? Wie kam denn der Wechsel nach Europa zu Stande?

Meine erste Station war Norwich City in England. Die hatten bereits einige Nationalmannschaftseinsätze von mir verfolgt. In Norwich habe ich zunächst ein Probetraining gemacht und danach sofort einen Vertrag bekommen. Das ging damals Ruck Zuck. Gleichzeitig habe ich 1981 weiterhin einige Spiele für Neuseeland in der WM-Qualifikation bestritten, unter anderem gegen Saudi Arabien und Kuwait. Die liefen optimal. Ich habe sogar das entscheidende Tor gegen China gemacht, und wir konnten uns für die WM qualifizieren.

Zum ersten und bislang einzigen Mal war Neuseeland damit bei einer WM dabei. Wie waren denn Ihre Eindrücke von dem Finalturnier in Spanien?

Das war sensationell. Für so ein kleines Land. Das hat eine wahnsinnige Euphorie in Neuseeland ausgelöst. Nur diesen Vorteil konnten die Verantwortlichen des neuseeländischen Verbandes nie ausnutzen. Fußball blieb bis heute Randsportart.

Erkennen Sie die Leute in Neuseeland, wenn Sie auf der Straße unterwegs sind?

Ein paar Leute erkennen mich, aber nicht viele. Die Leute lieben zwar Sport, aber Fußball hat in Neuseeland nicht das Ansehen. Die bekannten Sportler sind entweder die »All Blacks«, oder olympische Goldmedaillengewinner. Dieses Jahr hat Neuseeland aber eine ganz große Chance: Im Oktober und November sind die Ausscheidungsspiele für die WM gegen Bahrain oder Saudi-Arabien. Wenn wir da weiterkommen, wird es wieder eine riesige Fußball-Euphorie im Land geben. Und unser Kader ist nicht schlecht. Wir könnten es schaffen.

Um noch mal auf Ihren Werdegang zurückzukommen. Von Norwich City sind Sie dann in die Schweiz zum FC Zürich gegangen. Wie kam dieser Wechsel zu Stande?

Ich hatte häufiger in der WM-Qualifikation getroffen und einige Scouts aus der Schweiz hatten diese Spiele gesehen. Wenig später kamen dann vier Angebote von verschiedenen Vereinen aus der Schweiz. Darunter war ein Wahnsinns-Angebot vom FC Zürich. Da konnte ich nicht »Nein« sagen. Dort musste ich aber erst lernen Profifußballer zu sein. Ich war zwar fußballverrückt, hatte aber wenig Ahnung davon, was es heisst Profi zu sein. Sicherlich gab es damals auch viele Frauengeschichten, bis ich nach vier Jahren meine heutige Frau kennen lernte. Zu der Zeit bin ich dann auch gläubiger Christ geworden. Später wechselte ich dann zum FC Aarau.

Dort hieß Ihr Trainer Ottmar Hitzfeld. Wie wichtig war er für Ihren späteren Werdegang?

Zweieinhalb Jahre war er mein Trainer, zuerst in Aarau und später bei den Grasshoppers Zürich. Dort bekam ich dann auch einen Schweizer Pass wegen der damaligen Ausländer-Regelung. Das ging, weil mein Vater Schweizer ist. Deshalb musste ich aber auch zum Militär. Zu der Zeit wollte ich Aufhören mit dem Fußball, meine Frau fühlte sich nicht wohl in Europa, und auch sportlich lief es nicht so gut. Ottmar hat mich wieder aufgebaut. Er hat mich überredet weiter zu machen. Er meinte: »Wenn du gut spielst, werden auch größere Vereine kommen«. Und die kamen dann auch. Letztlich habe ich dann bei Otto Rehhagel in Bremen unterschrieben.

Bei Werder blieben Sie sechs Jahre, wurden zweimal DFB-Pokalsieger, Deutscher Meister, gewannen den Europapokal der Pokalsieger und schossen im Finale von Lissabon ein Tor. Welcher Erfolg war für Sie der Wichtigste?

Alle Erfolge waren natürlich sensationell. Ich glaube, der Europapokalsieg war für uns und den Verein am wichtigsten. Auf europäischer Ebene zu gewinnen, das war und ist für mich die Nummer Eins.

Wie war die Beziehung zu Trainer Otto Rehhagel? War er Ihr großer Mentor?

Er war alles. Ich habe auch heute noch eine super Beziehung zu ihm. Er ist ein ganz spezieller Mensch und war fast so etwas wie ein Vater für mich, aber auch für andere Spieler, wie etwa Rune Bratseth. Damals waren wir beide die einzigen Ausländer im Team. Otto hat uns toll integriert. Er hat darauf geachtet, dass es uns gut geht. Er hat auch sicher einen Anteil daran, dass viele meiner Mannschaftskollegen von damals sich auch heute noch im Verein engagieren. Der U-19 Trainer ist Mirko Votava. Thomas Wolter macht die U-23. Uwe Harttgen ist Nachwuchs-Manager. Klaus Allofs ist der Manager der Profis. Thomas Schaaf ist der Trainer. Das waren alles Spieler, die mit mir unter Rehhagel gespielt haben. Dieser Samen, den Otto damals gesät hat, der geht bis heute im Verein auf.

Was hat denn Rehhagel anders gemacht als andere Trainer?

Das Besondere an Otto zeigt sich vielleicht an dem Beispiel wie er mit den Spielerfrauen umgegangen ist. Er hat versucht alle zu integrieren, hat viele Sachen organisiert. Er hat nie ein Trainingslager gemacht, damit die Spieler immer zu Hause schlafen konnten. Er hatte tausende psychologische Tricks auf Lager für seine Art von menschlicher Führung. Das war für mich einmalig. Er achtete auch sehr auf das familiäre Umfeld eines Spielers. Zumeist verpflichtete er Leute, die feste Freundinnen oder schon Familie hatten. Es gibt so viele Geschichten zu Otto. Nur ein Beispiel: Am Tag vor dem Halbfinale Griechenland gegen Tschechien bei der EM 2004 kam der griechische Kapitän Zagorakis zu Rehhagel und sagte zu ihm: »Trainer, ich habe ein großes Problem. Unsere Frauen sind in einem schlechten Hotel untergebracht. Was können wir machen?« Man stelle sich das Mal vor, einen Tag vor so einem wichtigen Spiel. Jeder andere Trainer hätte gesagt: »Das interessiert mich nicht. Konzentriere dich auf's Spiel«. Doch nicht Otto. Der hat das gedeichselt, dass die Frauen ein komplettes Stockwerk im Hotel der Spieler bekamen. Otto wusste: Wenn die Frauen glücklich sind, dann sind es die Spieler auch. Natürlich haben die Griechen deshalb nicht das Halbfinale gewonnen, aber das war eben typisch Otto.

Versuchen Sie solche Dinge, die Sie damals von Rehhagel vermittelt bekamen, jetzt auch an Talente ihrer eigenen Fußballschule in Neuseeland weiterzugeben?

Für meine Fußballschule vielleicht weniger. Da bin ich jetzt bereits 12 Jahre dabei. Es macht riesigen Spaß, ist aber auch harte Arbeit. Unser Schwerpunkt liegt da vor allem im Techniktraining. Ich mache demnächst aber auch Lehrgänge für Trainer, denen würde ich eher solche Sachen aus meiner aktiven Zeit vermitteln. Auch Bremen hat mich zuletzt angesprochen, ob ich nicht für sie arbeiten könne. Da geht es um ein Projekt, dass dieses Jahr gestartet wurde und sich „Werder weltweit“ nennt. Von diesem ganzen Projekt bin ich nun der Schirmherr. Da soll versucht werden, Werder international bekannter zu machen. Der einzige deutsche Verein, der das  bislang richtig macht ist Bayern München.

Was sind die weiteren Ziele mit Ihrer Fußballschule?

Wir wollen weitere Programme machen in Japan und Thailand. Wir werden - genau wie Werder - weltweiter agieren. Wir eröffnen dieses Jahr auch eine neue Schule in Australien.

Geben Sie in ihren Fußballschulen auch ihre berühmte Elfmetertechnik weiter?

(lacht) Ja, mein Sohn Calib hat sich da viel von mir abgeschaut. Er ist ein sehr guter Elfmeterschütze. Er hat jetzt erst vor kurzem bei Wehen Wiesbaden in der 3. Liga unterschrieben. Mal sehen, ob er es in Deutschland packen wird. Im September werde ich ihn besuchen und einige Spiele verfolgen.

Was trauen Sie denn dem SV Werder in dieser Saison zu?

Werder spielt ja eigentlich jedes Jahr oben mit. Gut, letzte Saison waren sie in der Meisterschaft etwas hinten dran. Dafür hat man dann aber den DFB-Pokal geholt. Leider hat man zuvor den Europapokal nicht gewinnen können. Aber der Finaleinzug hat schon gezeigt, dass da nach wie vor viel Potential in der Mannschaft steckt. Thomas Schaaf und Klaus Allofs machen wirklich sehr gute Arbeit. Auch die Leute im Präsidium, wie Klaus-Dieter Fischer und Manfred Müller, machen einen tollen Job. Die waren schon zu meiner Zeit da. Werder steht einfach für Kontinuität.

Wird Bremen auch ohne Diego und Pizarro in der kommenden Bundesligasaison oben mitspielen?

Bremen kompensiert seit über 20 Jahren solche Abgänge. Sie haben es schon so oft geschafft und werden es wieder schaffen. Davon bin ich fest überzeugt.