Ex-FIFA-Präsident Blatter über Wladimir Putin und die WM in Katar

»Merkel sprang auf«

Sepp Blatter ist der wohl umstrittenste Mann im Weltfußball. Im Interview spricht der Schweizer über Fußballschauen mit Angela Merkel und seinen Nachfolger Gianni Infantino.

Michael Sieber
Heft: #
199

Sepp Blatter, wo werden Sie die Spiele der WM in Russland verfolgen?
Die meisten auf der Großbildleinwand in meinem Haus in Zürich. Aber ich habe auch eine Einladung des Staatspräsidenten bekommen.

Des Schweizer Präsidenten?
Nein, Monsieur Putin hat mich eingeladen.

Die Fifa hat Sie 2016 für sechs Jahre vom Fußballbetrieb suspendiert.
Diese Suspension bezieht sich nur auf die Aktivität auf dem Rasen: Ich darf kein Spieler, kein Trainer, kein Schiedsrichter sein. Aber ein Stadion darf ich selbstverständlich betreten.

Werden Sie WM-Spiele an der Seite von Putin live im Stadion verfolgen?
Wenn er mir diese Ehre erweist. Der Staatschef entscheidet, wie das Programm aussieht.

Hat es Sie nie genervt, ständig an der Seite von Staatsleuten Fußball zu schauen, die gar keine Ahnung vom Spiel haben?
Ein bisschen Ahnung haben sie alle. Politiker brauchen den Fußball schließlich, denn er begeistert die Menschen. Und wo Begeisterung ist, zeigen sich Politiker gern. Aber ich gebe zu, als ich in Anwesenheit des japanischen Kaisers das WM-Finale 2002 angesehen habe, war es ziemlich still an meiner Seite. Der Kaiser hat die meiste Zeit ein fragendes Gesicht gemacht.

Aber Stimmung kommt auf der Ehrentribüne auch sonst eher selten auf?
Für mich war es oft schwer, nach außen ruhig zu bleiben. Denn ich spiele im Kopf mit. Ihrer Kanzlerin geht es übrigens ähnlich.

Ach ja?
Beim Eröffnungsspiel der Frauen-WM 2011 gegen Kanada sprang Angela Merkel neben mir plötzlich auf und rief laut: „Schiiiedsrichter, Schiiiedsrichter“ Als sie merkte, was passiert war, setzte sie sich wieder hin und flüsterte: »Das war jetzt nicht klug.« Sie hatte sich wie ein Fan verhalten. Nach ein paar Minuten fügte sie hinzu: »Aber, Herr Blatter, Sie stimmen mir doch zu, dass es eine Fehlentscheidung war?«

Sie waren ein Verfechter der WM-Vergabe nach Russland. Mit welchen Empfindungen schauen Sie vor dem Turnier dorthin?
Sehr positiv. Ich bin überzeugt, dass Russland alles daran setzen wird, dass die negativen Schlagzeilen, die das Turnier seit Jahren begleiten, nicht eintreffen. Die Weltmeisterschaft ist eine große Chance, sich als weltoffenes Land zu präsentieren.

Sie sind nicht mehr Fifa-Präsident. Sie können uns doch als Privatier offen sagen, dass es Sie erschüttert, was in Russland passiert.
Ich war in der Fifa - und bin nach wie vor im Fußball. Ich kann Ihnen nicht als Privatmann antworten.

Schon als Präsident wird Ihnen aber aufgefallen sein, dass große Sportereignisse mit den damit verbundenen horrenden Kosten inzwischen leichter in Schwellenländer mit autoritären Machthabern zu vergeben sind als in Länder wie Deutschland, wo viele eine skeptische Haltung einnehmen, wie die Volksentscheide zu Olympia in Hamburg und München bewiesen haben.
Es ist klar, dass Menschen die Nachhaltigkeit von Olympia nicht verstehen. Was bringt es, für einen 14-tägigen Wettbewerb riesige Schwimmhallen oder Velodrome zu bauen, die hinterher keiner braucht. Aber die Weltmeisterschaft ist das Sportevent Nummer Eins. Von der Resonanz und Ausstrahlung ungefähr fünf Mal größer als Olympische Spiele. Und wenn Sie sagen, dass die Deutschen keine WM wollen, warum bewirbt sich der DFB dann um die Ausrichtung der EM 2024?

Auch in Südafrika und Brasilien wurden WM-Stadien gebaut, die heute kein Mensch mehr braucht.
In Brasilien wollten die Ausrichter sogar 17 neue Stadien bauen, am Ende wurden es zwölf, von denen sicher nicht alle sinnvoll waren. Dennoch ist eine WM etwas anderes.