Ewald Lienen in Griechenland

Rumpelstilzchen in Nea Smyrni

Unsere aktuelle Ausgabe wirft weiter ihre Schatten voraus. Für die Geschichte „Der Zettel-Zeus“ trafen sich Tim Jürgens und Fotograf Reinaldo Coddou H. mit Ewald Lienen, mittlerweile Trainer bei Panionios Athen. Reinaldo Coddou H.
Heft #72 11 / 2007
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Dieser feste Händedruck. Egal, wem wir an unseren drei Tagen bei Panionios im Athener Stadtteil Nea Smyrni die Hand gaben – stets griffen wir nach einer zupackenden Faust und bekamen bei jedem Handschlag ein freundliches Lächeln dazu. Ehrliche Menschen haben einen festen Händedruck, sagt man. Das Vertrauen, dass uns Journalisten in Griechenland also offensichtlich entgegen schlug, zahlte sich in einigen lustigen Anekdoten aus.

Wie etwa folgender: Lienens früherer Intimfeind Otto Rehhagel, jetzt griechischer Nationalcoach, empfängt den Panionios-Trainer inzwischen regelmäßig zum Essen. Lienens Gattin Rosi schwärmt sogar richtig: „Der Otto ist so lustig.“ Nach seiner Inthronisierung als Verbandstrainer riefen Rehhagel die freundlichen Griechen immer wieder das geflügelte Wort: „En daxi“ zu, was im Deutschen soviel bedeutet wie: „Geht’s gut?“ Der Essener Malermeister kommentierte die gutgemeinte Frage in gewohnt rustikaler Art: „En Daxi, en daxi? Was soll das? Ich brauch kein Taxi, ich hab’n Auto.“

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Rosi erinnerte sich während eines Essens auch an die komplizierten Anfänge der inzwischen mehr als 30 Jahre währenden Ehe mit “ihrem“ Ewald: ”Ich habe mich in den Ewald verliebt, nicht in den Fußballer Lienen“ Als die Gewerkschafter-Tochter aus dem Rheinland an einem kalten Novemberabend 1978 vor dem UEFA-Cup-Spiels zwischen Mönchengladbach und Benfica Lissabon mit ihrem Mann ausgemacht hatte, dass dieser sie von einem Plenum gegen halb elf abholen solle, verspätete sich der Kicker. Rosi rief sich ein Taxi und fuhr angesäuert über die Verfehlung des Verehrers nach Hause. Als Lienen später reuig an ihrer Tür klingelte und als Entschuldigung angab, es habe noch Verlängerung gegeben, sagte Rosi nur: „Was interessiert mich Deine Verlängerung ?“ Trotzdem sind die beiden bis heute ein glückliches Paar.

Und so gelassen die beiden die untergehende Sonne über dem Peloponnes mitunter beobachten, so engagiert zelebrieren sie nach wie vor ein UEFA-Cup-Spiel. Rosi bleibt aus nervlichen Gründen besser gleich zu Hause, wenn es gegen den FC Sochaux um den Einzug in die Gruppenphase geht. Ewald leidet wie eh und je schwer am Spielfeldrand. Jeder Fehlpass seiner Spieler gräbt sich in seine Gesichtzüge, als hätte ihn ein Trommelrevolver in die Eingeweide getroffen. Mit zwei Armbanduhren – an jedem Arm eine – ist er während der 90 Minuten stets über die Echtzeit im Bilde, er signalisiert, hüpft, deutet, schreit. Nehmt Euch einen Moment und beobachtet Ewald Lienen beim Rückspiel gegen den FC Sochaux, das trotz 0:1-Heimniederlage zum Weiterkommen reichte. Aus dem Rumpelstilzchen am Spielfeldrand wird in der anschließenden Pressekonferenz ein relaxter Hochschuldozent. Und noch etwas ist anders in Athen als früher in Köln, Rostock, Hannover und Duisburg: Aus Zettel-Ewald wurde Notizbuch-Ewald.