Ersatztorhüter und die große Elfer-Bühne

»Wir stehen alle im Tor, weil wir Bälle halten können«

Für Krul und Klewer war der unerwartete Aufstieg zum Elfmeterhelden hingegen ein Karrierehöhepunkt. Krul sprach von einem in Erfüllung gegangenen »Jugendtraum«, Klewer sagte 2007 im Interview mit 11Freunde: »Es war eine Genugtuung für die Vergangenheit. Ich konnte einfach mal das rauslassen, was ich bei jedem Spiel hätte rauslassen können. Endlich war ich mal im Mittelpunkt. Das war schon toll.«

Für die Stammkeeper, denen öffentlich und überraschend das Vertrauen entzogen wird, stellt sich die Sache naturgemäß anders dar. Hollands Jasper Cillessen jubelte auf der Bank zwar mit seinem Konkurrenten, jedoch erst, nachdem er wutentbrannt eine Wasserflasche durch die Gegend getreten hatte. Er hatte von van Gaals Gedankenspiel nichts gewusst, Krul hingegen schon. Auch Fürths Max Grün sagte noch zwei Jahre nach seiner Auswechslung: »Mich haben die Geschehnisse lange beschäftigt. So etwas will ich in meiner Karriere nie mehr erleben.« Der Knacks saß ähnlich tief wie bei Schäfer.

Gibt es den Elferkiller überhaupt?

Zumal sich ein solcher Wechsel statistisch nur in den seltensten Fällen auszahlt. Tim Krul, der in der englischen Premier League bei Newcastle United zwischen den Pfosten steht, hat in der Vergangenheit lediglich zwei von zwanzig Elfmetern gehalten, und auch Daniel Klewer würde wohl nie wieder sechs von neun Versuchen in zwei aufeinanderfolgenden Elfmeterschießen parieren. »Es gibt niemanden, der sich über Jahre hinweg als Elfmeterkiller bewiesen hat. Dazu hängt das Ganze zu sehr vom Glück ab«, sagte Klewer, der nach seinem Triumph wieder in die zweite Reihe rückte. Auch der geschasste Max Grün relativierte die Mär vom Elferkiller: »Wir stehen alle im Tor, weil wir Bälle halten können.«

Die Trainer van Gaal und Meyer sehen das anders. »Alle in und um die Mannschaft wussten doch, dass Raphael Schäfer zwar der bessere Keeper, aber Daniel Klewer der bessere Elfmetertöter war«, sagte Meyer im Rückblick auf seine Rochade, und auch van Gaal meinte: »Wir fanden alle, dass Tim der beste Keeper wäre, um Elfmeter zu halten.«

Wie Cillessen nun den Trubel um seinen elfertötenden und schlagzeilenbestimmenden Kollegen verdaut, bleibt abzuwarten. Bereits im Spiel am Mittwoch gegen Argentinien gehört ihm die große Bühne wieder, auf der er seine Qualitäten beweisen kann. Und vielleicht gibt es dann ja sogar einen Elfmeter zu parieren.