Ersatzdroge Livestream

Verdammtes Russland!

Alex Raack (nicht im Bild) musste sich Arminias Pokal-Sensation notgedrungen in einem wackligen Livestream anschauen. Und war begeistert.

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Mein Mitbewohner ist Fan von Arminia Bielefeld. Er macht irgendwas mit Steuern. Aber sonst ist er ein ziemlich cooler Typ.

Ihm zuliebe habe ich mich gestern in einen Anhänger seiner Mannschaft verwandelt. Normalerweise lassen mich Spiele, die ohne Beteiligung meiner Mannschaft stattfinden, ziemlich kalt. Doch weil ich ein guter Mitbewohner bin und mein Kumpel emotionale Unterstützung verdient, hatte ich feuchte Hände, als die Partie um 19 Uhr auf der Alm angepfiffen wurde. Ich wollte die Pokal-Sensation. Und ich wollte Teil von ihr sein.

»Berliner, wie immer?«

Fußballspiele schaue ich meistens in einer Kneipe bei mir um die Ecke. Die ist so ehrlich atzig im Ostberliner Sinne. Selbst die ab und an hereinstolpernden Modefans stellen nach einer halben Stunde fest, dass der Prollcharme hier nicht gespielt wird, sondern der Laden einfach so ist. Dafür wird das Pils in Rekordzeit gezapft, wissen die Thekenkräfte inzwischen wer ich bin (»Berliner, wie immer?«) und ist der Besitzer tierisch gut drauf.

Doch gestern wurde meine Liebe zu besagter Kneipe auf die harte Probe gestellt. Zunächst war alles in Butter. Wir sahen Bielefeld gegen Gladbach und tranken halbe Liter. Um kurz vor halb neun dann die Ansage: »Wir schalten gleich um auf Bayern!« Mitten im Spiel meines neuen Leib- und Magenvereins. Mitten in einer der denkwürdigsten Pokalschlachten der vergangenen Jahre. Das konnte nicht deren Ernst sein. Es war deren Ernst.

Letzte Chance: der Stream

Hektisch gingen wir die möglichen Optionen durch. Weil Berlin wirklich alles hat, auch eine Arminia-Bielefeld-Fankneipe, dachten wir zunächst an einen schnellen Trinkhallen-Wechsel. Zu weit weg, zu viel Zeitverlust. »Sky« irgendwo privat? Uns fiel niemand ein. Letzte Möglichkeit: Livestream im Internet.

Wir tranken den Rest auf Ex und sprinteten zu einem Bekannten, der ums Eck wohnt. Fünf Minuten später saßen vier Typen um einen Laptop und brüllten wilde Befehle. Mit Livestreams ist es wie mit Burgerläden – jeder glaubt, den besten gefunden zu haben. Wir einigten uns auf einen. Der war mies. Wir einigten uns auf den nächsten. Der war noch mieser. Wir fanden einen anderen. Der funktionierte leidlich. Inzwischen war die reguläre Spielzeit fast abgelaufen.

Die Rahmenbedingungen waren perfekt. Vier gute Jungs, halber Kasten Bier noch auf dem Balkon, eiskalter Jägermeister im Kühlschrank, neue Schnapsgläser in Forellen-Form, gerade erst auf dem Celler Flohmarkt geschossen (Zitat der Verkäuferin: »Das ich DIE heute loswerfe, hätte ich nie gedacht!«). Ein geiles Spiel. Doch dann: der Stream.