Erinnerungen an Roy Makaays Champions-League-Blitztor

»So schnell wie Asafa Powell«

6. Sekunde
Gerade, als von Thurn und Taxis seinen Satz mit den Spaniern und dem Ballbesitz beendet hat, mimt Carlos den Amateur und Salihamidzic den Derwisch. Real ist in Ballbesitz? Fritz modifiziert flugs das Tempus: »Gewesen!«

Makaay meidet die Strafräume der Tanzschuppen, die andere so lieben. In den Szene-Club P1 verirrt er sich laut eigener Aussage dreimal, jeweils bei Meister- oder Pokalfeiern. »Die Musik war okay, aber zum Feierbiest bin ich nicht geboren. Ich bin lieber mit meiner Familie in den Zoo.« Sein Torjubel charakterisiert ihn prägnant: mildes Lächeln, ausgebreitete Arme, keine prätentiösen Kinkerlitzchen zur Inszenierung. 102 Mal (in 178 Pflichtspielen) genießt er auf diese Weise im Bayern-Trikot. Bei der Ankündigung eines Treffers rollt der Münchner Stadionsprecher das »R« in »Roy« immer zu einem »Rrrrrrrr«, und er tut das so gekonnt, das jeder Asiate in Wallungen ausbrechen würde.

7. Sekunde
Salihamidzic sprintet, Carlos wetzt, keine Chance, der Bayer legt sich den Ball einmal vor, sieht auf und registriert, dass Makaay ein unbevölkertes Flecken Erde erspäht hat. Der Niederländer stiert Brazzo an, seine Mimik signalisiert: Spiel jetzt! Spiel!

Die Saison 2006/07 ist Makaays Epilog beim FC Bayern. 16 Bundesligatore sind‘s noch, allerdings häuft sich Kritik, besonders über lasche Auswärtsauftritte. Er hat Vertrag bis 2008, »aber ich wusste: Wenn Klose kommt, werde ich nicht mehr spielen«. Miroslav Klose kommt, Luca Toni ebenfalls. Makaay lehnt eine Anfrage aus Bremen ab (»Werder wollte mich unbedingt«) und bittet Bayern um Freigabe. »Die Verantwortlichen wussten, dass ich zurück nach Holland wollte. Das zeigt, glaube ich, was wir für ein Verhältnis zueinander hatten.« Es ist das Ende der Geschichte eines Mannes, der Wesenszüge aufweist, die ihn überall hätten hinführen können, nur nicht zum FC Unbescheiden nach München. Vielleicht harmoniert deshalb so sehr.

Hier entlang: Roy Makaay im großen Karriere-Interview >>>


8. Sekunde
Ramos rückt raus, um Salihamidzic zu stellen, dessen Flachpass streicht haarscharf an Ramos‘ Bein vorbei in den Strafraum, wo Makaay soeben nicht im Abseits steht. Der Teenager in der Dorfdisco trinkt durcheinander. Fatal.

»Die vier Jahre beim FC Bayern waren die schönsten meiner Karriere. Heute schaue ich die Spiele im Fernsehen, wenn es möglich ist«, erzählte Makaay jüngst in einem Interview . Das Phantom der Arena ist ein gern empfangener Gast, zu »fcb.de« sagt er: »Wenn ich an die Säbener Straße komme, freuen sich die Leute. Hier fühle ich mich willkommen.«

9. Sekunde
Längst hat sich der Lärmpegel gehoben respektive gewandelt, ungläubige Erwartung schwingt durch die Lüfte. Real ist maximal unsortiert, Gago eilt nach hinten, Helguera versucht zu intervenieren, Makaay deckt trotzdem keiner. Aus zehn Metern, schräg versetzt, nimmt Bayerns Nummer zehn den Ball mit der rechten Innenseite direkt. Sein Ziel: das linke untere Eck.

Im Sommer 2007 wechselt Makaay in seine Heimat zu Feyenoord Rotterdam, wo er 50 Tore in 103 Partien schießt. 2010 ist Schluss, mit 35, anschließend wird er Coach: in der Feyenoord-Jugend, als Assistent der zweiten Mannschaft, seit 2015 als Stürmertrainer der Profis. Darf‘s mal Bayern sein? Im Jahr 2013 sagt er: »Man weiß ja nie...«

10. Sekunde
Keeper Casillas bringt den Handschuh ran, aber der Schuss ist zu hart oder platziert oder beides, um ihn aufzuhalten. Das Tornetz beult sich, Makaay dreht ab, breitet die Arme aus - und rutscht auf Knien. Der Teenager ist nach dem Vorglühen zu den ganz harten Getränken umgeschwenkt. Pure Eskalation!

Am nächsten Morgen schreibt »Marca« von den »verdammten 9,9 Sekunden«. In der »AS« heißt es, Makaay sei »so schnell wie Asafa Powell«, der damals mit 9,77 Sekunden den 100-Meter-Weltrekord hält. Andere nennen 10,03 Sekunden als exakte Messung, irgendwann klärt der Schütze auf: »Man hat berechnet, dass es 10,12 Sekunden dauerte.« Es ist das schnellste Tor der Champions League, im November 2011 wackelt der Wert, als Jonas für Valencia gegen Leverkusen nach 10,5 Sekunden reüssiert.

Der FC Bayern schlägt Real Madrid am 7. März 2007 mit 2:1 und erreicht das Viertelfinale; dort ist Carlo Ancelottis AC Milan zu stark. Die zehn Sekunden von München aber haften in der Historie. »Mein Treffer«, sagt Makaay, »bedeutet vor allem meinen Kindern eine Menge. Sie freuen sich immer, wenn das erwähnt wird. Und auch für mich ist es schön, dass sich die Leute dadurch an mich erinnern.«



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