Erinnerungen an den Arbeiterverein 1860 München

Being Karsten Wettberg

In der 2. Bundesliga in akuter Abstiegsgefahr, der Anhang in einer schweren Identitätskrise: 1860 München ging es auch schon mal besser. Erinnerungen an die Trainer-Kult-Figur Karsten Wettberg.

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von Calippo Schmutz

Ich war ein Balljunge, ein Messdiener des Fußballs, als mir Karsten Wettberg zum erste Mal begegnete. Im Finale der Aufstiegsrunde gegen Edenkoben 1989 stand er, der Trainer der SpVgg Unterhaching, direkt neben mir. Endlich ertönte der Abpfiff. Wettberg schrie und rannte aufs Spielfeld als müsse er ein Leben retten. Nie zuvor hatte ich bei einem Menschen so einen Freudenausbruch beobachten können. Ein Jahr später wechselte Wettberg zu seinem Lieblingsverein, dem TSV 1860, und erlebte auf Giesings Höhen neben seinem größten Triumph den Beginn einer für den Verein schicksalhaften Ära. Nichts sollte bei den Münchner Löwen mehr so sein wie zuvor.

Einer der erfolgreichsten Trainer aller Zeiten – in den unteren Spielklassen

Um seine Geschichte aufzuschreiben traf ich Karsten Wettberg noch einmal zu einem Gespräch in einer niederbayerischen Vereins-Gaststätte. Karsten Wettberg begrüßte mich höflich. Meinen Namen hatte er nach unserem Telefonat behalten. Zu Beginn unseres Gesprächs begannen wir alle bisherigen Clubs aufzuzählen, die Wettberg bisher betreut hat. Knapp 20 werden es in der langen Karriere wohl gewesen sein. Dabei ist er mit einer Rekord-Anzahl an Aufstiegen faktisch der erfolgreichste Trainer in den unteren Spielklassen. Seinen markantesten Aufenthalt erlebte Wettberg jedoch in München Giesing. Und je länger unsere Unterhaltung dauerte, desto klarer wurde, wir sehr sein Herz nach wie vor für den TSV 1860 schlägt. Und das, obwohl der Verein seinerzeit Wettberg nach nur eineinhalb Jahren vom Hof jagte.

Doch der Reihe nach.

Die Hachinger konnten Karsten Wettberg gar nicht früh genug loswerden, als der ankündigte, die Münchner Vorstädter in Richtung Giesing verlassen zu wollen, um beim großen Konkurrenten, seinem Traumverein 1860 München, anzuheuern. Nach dem sensationellen Aufstieg 1989 in die 2. Bundesliga war Wettberg mit den Unterhachingern sang- und klanglos wieder abgestiegen. Nun erwartete der nach Profifußball lechzenden Bayernligist 1860 München vom ehrgeizigen Trainer natürlich das gleiche Kunststück – den Aufstieg, nicht den Abstieg. Und tatsächlich, im zweiten Jahr unter Wettberg erspielten sich die Löwen in der Aufstiegsrunde eine hervorragende Ausgangssituation. 1991 kam es zur ersehnten Sternstunde, die Verein und Wettberg auf ewig zusammenschweißen sollte.
 
München Giesing schlug Purzelbäume

Das »Sechzger« platzt vor dem entscheidenden Spiel in der Aufstiegsrunde gegen Borussia Neunkirchen aus allen Nähten. Tausende Löwen-Fans mehr als erlaubt drängten auf den Rängen des Grünwalder Stadions, das in seinen betagten Grundmauern vor spannungsgeladener Euphorie zitterte. Die Rückkehr in den Profifußball stand nach neun zähen Jahren bevor und an diesem besonderen Tag würde nichts schief gehen. Niemals mehr, und das vermochte in diesen Stunden freilich niemand zu ahnen, würde es auf Giesings Höhen so zugehen wie an diesem Tag.

Und dann passierte es. Ecke. Kopfball. Abpraller. Schmidbauer staubt ab. Tor! Ein kolossaler Jubelschrei hallte durchs leergefegte Arbeiterviertel von damals. München Giesing schlug Purzelbäume. Und im Zentrum der Glückseligkeit spurtete ein kleiner Mann wie eine wild gewordene Wüstenrennmaus aufs Spielfeld: Karsten Wettberg. Den Dompteur des Geschehens hielt in diesen Sekunden nichts mehr auf. In der Hand ein weiß-blauer Regenschirm, der, im Verhältnis zu den etwas kurz gewachsenen Gliedern Wettbergs, so groß wirkte wie ein Sonnenschirm. Erst kurz hinter dem Mittelkreis blieb Wettberg stehen. Dann holte er mit beiden Händen aus und prügelte den armen Schirm, einmal, zweimal, dreimal gerade so auf den Rasen, als wäre der Regenschutz eine gefährliche, um sich beißende Schlange. (Im Video ab 1:04 Minute)



Schon schmiss Wettberg das kaputte Ding an den Spielfeldrand und sauste zurück zu seiner Bank. Wie er sich dabei die Hände rieb, die Fäuste zum Himmel ballte – eine größere Pantomime hat Fußballdeutschland noch nicht gesehen. Wettberg muss bis heute über diese Szene schmunzeln: »Hätte ich irgendeinen anderen Gegenstand als den Schirm in der Hand gehalten, ich hätte ihn genauso kaputt gemacht.« Der Aufstieg war in trockenen Tüchern, ein neuer Löwen-Held gefunden. Die jahrelange Leidenszeit hatte ein Ende.