Erinnerungen ans Schalker Parkstadion

»Du Trulla, dann geh doch zum Schach!«

Wie Woodstock nach dem Wolkenbruch. Das Gelsenkirchener Parkstadion war alles: eine Bruchbude, ein Tollhaus, ein Sehnsuchtsort. Ein Rückblick.

Reinaldo Coddou H.
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Catweazle verstand die Welt nicht mehr. Diese aufgetakelte Frau regte sich tatsächlich über seine Trommel auf. Der Mann mit den Zottelhaaren und dem grauen Bart gab seit Jahrzehnten den Takt in der Schalker Nordkurve an. Nun war er irgendwie zu den feinen Herrschaften vorgestoßen, zum »Blauen Salon« im Gelsenkirchener Parkstadion.

Der Raum war sowas wie der VIP-Bereich der Neunziger. Und Catweazle, der eigentlich den für diese Region typischen Namen Olschewski trug, dachte gar nicht daran, seine Trommel am Eingang abzugeben. Die feine Dame beschwerte sich lautstark, was ihn zu einer unmissverständlichen Replik veranlasste: »Du Trulla, dann geh doch zum Schach.«

Die »Trulla« war keine Geringere als die Gemahlin des »Sonnenkönigs«, des Präsidenten Günter Eichberg. Catweazle schimpfte Leute wie ihn »Fuzzis« oder »Sesselfurzer«. Warum auch nicht? Das hier war sein Revier. Sein Parkstadion. Ein Bau aus den siebziger Jahren mit einem Fassungsvermögen von über 70 000 Zuschauern, der das Attribut »alte Schüssel« redlich verdiente.

Möllemann kam per Fallschirm

An Sommertagen war dieses Stadion imposant, fast kolossal, mit viel Grün drum herum. Die Fans saßen in den Bäumen, Tausende auf der schier endlos wirkenden Gegengeraden holten sich einen Sonnenbrand, auf der Tartanbahn fanden Umzüge statt. Jürgen W. Möllemann flog mit dem Fallschirm auf den Rasen. An der Außenlinie weinte, hüpfte, quiekte, derwischte das Schalke-Original Charly Neumann. Das Fan-Magazin »Schalke Unser« nannte ihn ob seines üppigen Bauchumfangs ehrfurchtsvoll den »Herrn der Ringe«.

Doch genaugenommen waren die Fans in diesem Stadion meistens eher klitschnass als sonnenverwöhnt. Regen und Wind peitschten hier an tristen Tagen ohne Gnade, die Pils-Pappbecher füllten sich in den Schauern wie von selbst wieder auf. Rentner rannten die gottverlassene Gegengerade entlang und reckten drohend den Schirm gen Spielfeld, durch den sich Männer wie Bernd Thiele oder Michael Prus grätschten. Aus den krächzenden Lautsprecher kam noch keine Werbung für ein russisches Gasunternehmen, sondern für Baumaschinen Hohen-Hinnebusch – und selbst bei Minusgraden empfahl eine Stimme: »Halbzeit – Zeit für eine eiskalte Erfrischung«.