Erinnerungen an Aki Schmidt

»Danke für alles, Aki«

BVB-Legende Alfred »Aki« Schmidt ist verstorben. Unser Autor erinnert sich an eine ganz persönliche Begegnung mit ihm. 

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An einem sonnigen, aber bitterkalten Mittwoch im Februar 1997 wurde ich das, was ich heute bin – so eine Art Fußball-Journalist. Das war nämlich der Tag, an dem ich zum ersten Mal einen Spieler interviewen sollte. Ich hatte zwar vorher schon viel geschrieben, meistens über Musik und auch ein bisschen über Fußball, und ich hatte auch schon sehr viele Leute befragt. Aber das waren alles Musiker gewesen, von denen die meisten Menschen noch nie gehört haben. Nun jedoch würde ich einen richtig bekannten Star treffen – den Portugiesen Paolo Sousa.

Sousa war im Sommer zuvor von Juventus zu Borussia Dortmund gewechselt, hatte aber bis zu diesem Tag im Februar so gut wie gar nicht gespielt, weil ihn eine Knieverletzung plagte. Trotzdem setzte man in Dortmund noch große Hoffnungen in ihn. Fünf Tage vorher war er beim Rückrundenauftakt gegen Leverkusen für die letzten fünf Minuten auf den Platz gekommen – und vom Publikum frenetisch gefeiert worden.

Ich war also ein wenig nervös, als ich am Trainingsgelände stand und frierend auf Sousa wartete, der mal wieder einen Arzttermin hatte. (Damals trainierte die Mannschaft noch in Sichtweite des Westfalenstadions, auf einem als »Im Rabenloh« bekannten kleinen Platz, der nicht einmal Wettkampfmaße hatte.) Zwar durfte ich mich durchaus als Autor für professionelle Zeitschriften betrachten – etwa für die deutsche Ausgabe des »Rolling Stone« und das »Hattrick «, ein recht neues Fußballmagazin aus Freiburg –, aber an jenem Vormittag war ich für ein Fanzine unterwegs.

Ein älterer Herr, der am Geländer lehnte

Es hieß »Bude«. Über viele Monate hin hatte sich der Chef und Herausgeber Volker Rehdanz mit der Borussia gestritten, über Dinge wie den Abdruck des Vereinslogos oder den Verkauf der Hefte vor dem Stadion. Doch plötzlich – nach all dem Gezanke – bot der Verein der »Bude« einen Interviewtermin an. Ich kann heute nicht mehr genau sagen, wie und warum das zustande kam. Was ich aber noch weiß, ist, dass niemand von der Pressestelle bei unserem auf Englisch geführten Gespräch dabei war und dass niemand mich darum bat, Sousas Zitate zur Abnahme vorzulegen.

Außerdem weiß ich noch, dass neben mir ein älterer Herr stand, als ich am Geländer lehnte, dem Rest der Mannschaft beim Training zusah und auf Sousa wartete. Nun, er war nicht wirklich ein »älterer Herr«, sondern erst Anfang 60. Aber er war eben doppelt so alt wie ich und hatte schon angegraute Haare, daher nahm ich an, dass er einer jener Frührentner oder Senioren war, die oft als Zaungäste das Training verfolgten.

Nachdem wir uns das Treiben ein paar Minuten angesehen hatten, blickte er zu mir hinüber und trat dann auf mich zu.
»Entschuldigen Sie«, sagte er. »Sind Sie Journalist?«
»Ja, eigentlich schon«, erwiderte ich vorsichtig. Mit einem Mal hatte ich Angst, dass der Mann ein Ordner war, der mich vom Gelände schicken würde, weil ich keinen Presseausweis besaß. Deswegen fügte ich an: »Aber heute bin ich für ein Fanzine hier. Ich habe einen Interviewtermin.«
Er legte die Stirn in Falten. »Ein Fanzine? Was ist das denn, wenn ich fragen darf?«
»Das ist eine nicht-kommerzielle Zeitschrift, die von Fans für Fans gemacht wird«, sagte ich.
Mit einem Mal leuchteten seine Augen auf. »Das ist ja sehr interessant«!, rief er aus. »Das müssen Sie mir genauer erklären.« Er streckte die Hand aus. »Was für ein Zufall«, sagte er. »Mein Name ist Alfred Schmidt und ich bin seit heute der hauptamtliche Fanbeauftragte von Borussia Dortmund!«
Am liebsten wäre ich im Boden versunken. »Oh, Sie sind Aki Schmidt«, stammelte ich. »Tut mir leid, ich habe Sie nicht erkannt. Oh Gott, ist das peinlich!«
»Ach, Unsinn,« entgegnete er. »Als ich gespielt habe, waren Sie doch noch gar nicht geboren.«
»Und ob das peinlich ist!«, wiederholte ich. »Da habe ich Ihnen gerade gesagt, dass ich von einem Heft für Fans komme, und dann erkenne ich einen der größten Spieler der Vereinsgeschichte nicht«.