Eric Cantona – Genie oder Brutalo?

Der Kung-Fu-Tritt

Auf den Rängen von Old Trafford, dem »Theatre of Dreams«, verstanden sie ihn intuitiv, auch dann, wenn ihm nichts gelang, wenn er sich vergaß, vom Platz flog, wenn er zuschlug. Sie riefen seinen Namen in immer neuen Gesängen, sie machten ihn zu ihrem König und ihrem Erlöser. Oh! Ah! Cantona! Sie verstanden ihn, weil sie wussten, dass er sie verstand. Dass er, auch wenn sie ihm zujubelten, doch noch einer von ihnen war. Er verdiente Millionen und lebte in einer kleinen Doppelhaushälfte am Stadtrand. Er scherte sich einen Dreck darum, was andere von ihm erwarteten. Was er tat, tat er einzig und allein deshalb, weil er es für richtig hielt. »Viele erfolgreiche Leute wollen zeigen, dass sie anders sind. Sie wohnen in riesigen Häusern und versuchen, in einer anderen Welt zu leben«, sagte er Jahre später in einem Interview. »Ich wollte immer in derselben Welt leben.« Dann kam der Abend des 25. Januar 1995, und diese Welt geriet ins Wanken.

Die Attacke: Schockierend und faszinierend

Der Satz wurde so oft zitiert, dass man gerne ohne ihn auskommen würde. Wann immer von Cantona gesprochen wird, ist auch von diesem Zitat die Rede. Man kann es auf T-Shirts gedruckt kaufen. Man kann es eigentlich nicht mehr hören. Aber es geht nicht ohne. Der Satz ist sein Vermächtnis, ein vorweggenommener Abschiedsgruß, eine Reminiszenz an eine andere Zeit. When the seagulls follow the trawler, it is because they think sardines will be thrown into the sea.

Die Attacke war schockierend und faszinierend zugleich, brutal und anmutig, hässlich und schön, ein Akt der Körperverletzung und gleichzeitig der Rebellion. Sie war wie Eric Cantona: alles auf einmal. Er war beim Spiel gegen Crystal Palace im Selhurst Park gerade wieder mal vom Platz geflogen und auf dem Weg in die Kabine, als aus der Vielzahl der Beschimpfungen ein Ruf sein Ohr erreichte, der mit seiner Nationalität zu tun hatte und mit seiner Mutter. Er machte den Schreihals in der Menge aus, fixierte ihn und rannte los. Er erwischte Matthew Simmons, einen vorbestraften 20-jährigen Hilfsarbeiter mit einer Tendenz zu rechtsextremen Ansichten, mit einem formvollendeten Kung-Fu-Kick an der Brust, fiel, wenig anmutig, auf das Geländer, das die Zuschauerränge vom Spielfeld trennte, rappelte sich in Sekundenschnelle auf und schickte noch ein paar Faustschläge hinterher. Dann war Peter Schmeichel endlich bei ihm und zerrte ihn in die Kabine.

Er hatte gezeigt: Es gibt noch Grenzen!

Der Aufschrei war gewaltig. Manchester United sperrte Cantona umgehend (und wohl auch zu seinem eigenen Schutz) bis zum Saisonende. Doch vielen war das nicht genug, Stimmen, die eine lebenslange Sperre, ein nie dagewesenes Urteil forderten, wurden laut. Doch so brutal Cantonas Attacke auch gewesen war, so hatte sie doch auch eine verruchte Faszination, weil in ihr ein so raues Aufbegehren steckte, der Kampf eines Einzelnen gegen ein System. Denn der Tritt gegen Simmons hatte ja vor allem deshalb so schockiert, weil Cantona mit ihm ein einzelnes Individuum aus einer anonymen Masse herausgebrochen und somit erst angreifbar gemacht hatte. Er hatte, indem er eine Grenze überschritt, klargemacht: Es gab noch Grenzen. Egal wie aufgeblasen das Geschäft auch geworden sein mochte, egal wie viel die Spieler verdienten und egal wie viel jemand bezahlen musste, um sie zu sehen.