Englands untypischer WM-Auftritt

So gut wie lange nicht mehr

Dieses Mal scheint aber einiges anders. Die Nebengeräusche scheinen Englands Kicker schlicht zu ignorieren, stattdessen geben sie die Antwort auf dem Platz.Zeugnis dessen war eine berauschende erste Halbzeit gegen Panama. Fünf Tore hatte England bislang noch nie zuvor in einem Turnierspiel geschafft, diesmal reichte eine Hälfte. »Wir sind an der Spitze der Gruppe, wir sind an der Spitze der Welt!«, titelte die Daily Mail.

»Man muss ja dran glauben, wenn man etwas im Leben erreichen will«, sagte Harry Kane der BBC nach dem Schlusspfiff. Ihm hat sicherlich kein Selbstvertrauen gefehlt, als er in der ersten Halbzeit zwei Elfmeter wuchtig ins linke Eck ballerte und sich an die Spitze der Torjägerliste schoss.

»Wir genießen es«

So schlecht Panama auch war - England spielte so gut wie lange nicht mehr. Die Standardsituationen wurden perfekt ausgeführt, aus dem Spiel heraus kombinierte sich die Elf clever zu vielen Chancen. Vor allem spielte das Southgate-Team mit einem Mix aus wunderbarer Lockerheit und echter Freude. Als John Stones in der achten Minute seine Mannschaft in Führung köpftelte, jubelten die Spieler so, als sei der Halbfinaleinzug sichergestellt worden. Oder wie Kane sagt: »Wir genießen es einfach.«

Der neue Genuss am Spiel ist vor allem Southgates Verdienst. »Es gibt diese Wahrnehmung, dass England immer sehr erfolgreich war, aber eigentlich stimmt das nicht«, sagte er vor dem Spiel. Sein Vorgänger Fabio Capello hat diese Wahrnehmung, die den Erfolg von 1966 als Maßstab setzt, einst als »Geist« beschrieben, in dessen »weißen Tentakeln« die Engländer immer erstickten, sobald sie zu einem Turnier reisen. Southgate hat es offenbar geschafft, den Geist zu bannen.

Etwas mehr Gnade als üblich

Gelungen ist ihm dies, weil der Trainer ein besseres Verhältnis zur Presse anstrebt. Vor dem Turnier veranstaltete der englische Verband zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine offene Presserunde mit allen englischen Spielern. Das kam bei den Journalisten gut an. Im Gegenzug zeigen sie der Mannschaft und Southgate gegenüber etwas mehr Gnade als sonst üblich.

In Summe hat der Trainer eine Mannschaft geformt, die befreit und fokussiert zugleich aufspielen kann - wie gegen Panama. »Es kommt nicht oft vor, dass wir völlig entspannt sein können, während wir England bei einer WM zuschauen«, witzelte Gary Lineker bei BBC. Aber bislang ist dies eben keine normale WM - und keine typisch englische Mannschaft.