Englands neue Hoffnung Connor Wickham

Boy genius

Englands bester Stürmer seit Rooney? Wenn man dem Hype auf der Insel glaubt, ist Ipswichs Connor Wickham das neue Wunderkind. Tottenham bot 8,5 Millionen Pfund, zuletzt erhöhte Liverpool auf 10 Millionen – für einen 17-Jährigen. Englands neue Hoffnung Connor Wickhamimago images
Eigentlich verdankt Ipswich Town sein bekanntestes Kind der British Army. Im Jahr 2006 wurde der Offizier Stefan Wickham von seinen Vorgesetzten nach Colchester gerufen, fortan sollte er dort im Militärgefängnis arbeiten. Bis dahin spielte Sohn Connor wohl behütet in den Jugendmannschaften des FC Reading und hätte bei den »Royals« sicherlich auch seine Profikarriere gestartet. Schließlich erteilte sein alter Herr sämtlichen Interessenten in jenen Jahren routinemäßig Absagen. Selbst als Premier-League-Klubs wie West Ham United und Tottenham Hotspur anklopften, wiederholte der Soldat gebetsmühlenartig: »Mein Sohn geht nirgendwohin.« Damals war Connor Wickham zwölf Jahre alt.

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Und trotzdem: Als der Umzug der Familie Wickham nach Colchester bekannt wurde, standen all die gierigen Berater und Spione der Londoner Vereine wieder auf der Matte. Der Junior wechselte aber zum 25 Kilometer entfernten Fußballklub in Ipswich Town. »Es war seine Entscheidung zu einem kleinen Team zu wechseln«, betont der Vater heute. »Er mochte die Atmosphäre in Ipswich, schließlich kannte er den Verein von Auswärtsspielen mit Reading.« In Ipswich empfingen ihr unverhofftes Glück mit offenen Armen: In einem ersten Freundschaftsspiel, einer Art Bewerbungspartie, schoss der Sohnemann fünf Tore. Herzlich willkommen.

Neben Wayne Rooney für England?

Vier Jahre später ist Connor Wickham so etwas wie das neue Wunderkind im englischen Fußball. Für die A-Elf von Ipswich Town machte er sein erstes Spiel mit 16 Jahren und elf Tagen und wurde so zum jüngsten Debütanten der Vereinsgeschichte. Im März 2010 schoss er sein erstes Tor – den 1:0-Siegtreffer in der 93. Minute gegen Scunthorpe United. Heute muss der Klub regelmäßig über 30 Plätze im Stadion für Scouts freihalten, und nicht nur die überschlagen sich vor Lob, auch all die Fußballexperten melden sich wie ergraute Propheten aus ihren Verstecken, sobald der Name Connor Wickham fällt. Ipswich-Town-Legende Kevin Beattie sagte jüngst: »Der Junge hat alles: Robustheit, Technik, den Zug zum Tor. Es würde mich nicht wundern, wenn er bald neben Wayne Rooney für England stürmen würde.« Russell Osman, ehemals Trainer von Bristol City, ging kurz vor der WM in Südafrika noch einen Schritt weiter. Als Co-Kommentator für Eurosport verkündete er: »Natürlich würden die Leute fragen, warum Fabio Capello einen 17-Jährigen mitnimmt – dabei er ist de facto genau so stark wie Emile Heskey, hat aber ein besseres Auge für das Tor.«

Connor Wickham flog nicht mit nach Südafrika – er fuhr Ende Mai mit dem englischen U17-Team zur Europameisterschaft nach Liechtenstein, zerlegte dort im Halbfinale Frankreich mit zwei Toren im Alleingang und schoss im Endspiel den 2:1-Siegtreffer gegen Spanien. Ein Tor, das alles zeigt, was diesen Jungen auszeichnet: Diesen unbändigen Willen gepaart mit der Geduld, auf den richtigen Moment zu warten. Allein auf weiter Flur kämpft er sich da durch den Strafraum, vier Spanier versuchen ihn am Schuss zu hindern, zwei Mitspieler stehen Spalier, dann sieht er die Lücke – und der Ball zieht unten ins rechte Ecke.

»Habe einen guten Kopf auf meinen Schultern«

Ein paar Tage später stand vor dem Haus seiner Eltern eine Audi-Limousine, dabei hatte Wickham noch nicht mal einen Führerschein. Gleichzeitig flatterten nun wieder die Offerten wieder in den Briefkasten. Tottenham bot ein Leihgeschäft an, fünf Millionen wollten sie für die temporären Dienste des Jungstars zahlen. Der FC Arsenal machte das Portemonnaie noch weiter auf und wedelte mit acht Millionen. Tottenham zog nach: Achteinhalb Millionen. Zum Vergleich: Theo Walcott wechselte als 16-Jähriger für neun Millionen Pfund von Southampton zum FC Arsenal. Und Cristiano Ronaldo 18-jährig von Sporting Lisbon zu Manchester United für 12 Millionen.

Wie es sich beim Wettbieten gehört ist in der Sache Wickham seit letzter Woche auch der FC Liverpool eingestiegen. Zehn Millionen Pfund wollen die »Reds« angeblich locker machen – wenngleich hier angemerkt werden muss, dass der Klub seit Roy Hodgsons Amtsantritt auf so ziemlich alles geboten hat, was einen Ball weiter als drei Meter treten kann.

Connor Wickham sieht das Buhlen um seine Person mit beinahe buddhistischer Gelassenheit: »Zu lesen man sei zehn Millionen wert, ist eine neue Erfahrung – doch ich habe einen guten Kopf auf meinen Schultern.« Aktuell hat er außerdem die richtigen Männer links und rechts von seinen Schultern, neben seinem Vater steht da noch Ipswichs Trainer Roy Keane, der einst bei Manchester United mit den besten Stürmern der letzten Dekaden zusammenspielte: Mark Hughes, Eric Cantona oder Ruud van Nistelrooy. Wie Wickhams Vater ist Keane Ire. Wie Wickhams Vater versteht sich Keane als eine Art Mentor, der seinen Wunderstürmer langsam ans Team und das Profigeschäft führen will: Ein paar Einsätze von Beginn an, dann aber auch ein paar von der Bank aus.

Die Fans würden Roy Keane lynchen

Zudem weiß Keane um all die hochgejubelten Supertalente der letzten Jahre. Kyle Naughton oder John Bostock etwa, die für etliche Millionen zu Tottenham wechselten und sich nun als Leihspieler durch die Ligen manövrieren. Oder Daniel Pacheco, jener Sensationsangreifer aus Spanien, der aktuell beim FC Liverpool unter Vertrag steht, doch bis dato über eine Handvoll Kurzeinsätze nicht hinaus kam. All diese menschgewordenen Wertanlagen, die ihre Klubs glauben lassen, sie stünden vor einer goldenen Zukunft. Dass nur wenige Spieler an einem Tag x tatsächlich die Versprechen und Erwartungen einlösen können, nachdem sie jahrelang wie Werte in Computertabellen hin- und hergeschoben wurden, ist zunächst Nebensache.

Ob Wickhams Wechsel in die Premier League deswegen noch lange auf sich warten lässt, ist trotzdem fraglich. Heute soll er öffentlich einen Wechsel zu Liverpool ausgeschlossen und mit Arsenal geliebäugelt zu haben. Dabei gibt es immer noch zwei gewichtigte Gründe, die gegen einen verfrühten Transfer sprechen. Einerseits Roy Keane, der sich um seine Gesundheit sorgt: »Wenn wir Connor verkaufen, würden sie mich die Fans lynchen.« Zum anderen den Vater, der, nun ja, eben nicht nur Vater, sondern auch Soldat ist – und immer noch jegliche Spekulationen im Keim erstickt: »Mein Junge geht nirgendwohin.«