Endlich wieder Stehplätze für Celtic-Fans

Welcome to the Jungle

Revolution in Glasgow - nach 22 Jahren haben die Fans von Celtic ihre Stehplätze zurück! Eine Geschichte über den langen Kampf gegen das Sitzen. 

Brendan MacNeill
Heft: #
180

Es läuft die 32. Minute, als Souleymane Coulibaly gleich zwei verrückte Einfälle hat. Zuerst lässt der 21-jährige Mittelstürmer des FC Kilmarnock seinen Gegenspieler – keinen Geringeren als Celtics erfahrenen Kapitän Scott Brown – mit einem frechen Hackentrick aussteigen. Dann zieht der Ivorer unvermittelt ab. Aus fast 40 Metern. Noch bevor der Ball hinter dem verblüfften Keeper ins Netz fällt, hebt Coulibaly die Arme zum Torjubel.

Im Celtic Park von Glasgow breitet sich das aus, was man gemeinhin als lähmendes Entsetzen bezeichnet. Seit einer halben Stunde berennt die Heimelf ebenso hartnäckig wie vergeblich das Tor der Gäste aus Kilmarnock. Eine Reihe bester Chancen hat sie vergeben. Und nun das. Statt 2:0 oder 3:0 steht es auf einmal 0:1. Die Spieler in Grün und Weiß stemmen die Arme in die Hüften und blicken bedröppelt zu Boden.

Das ist der Moment, in dem die Fans von Celtic das Spiel gewinnen.

Moment mal: Stehplätze?


Natürlich, vielleicht hätte ihre Elf die Partie auch ohne sie gedreht. Immerhin ist Celtic fünfmal in Folge Schottischer Meister geworden und hat seit vier Jahren nicht mehr gegen Kilmarnock verloren. Doch Coulibalys Wundertor ist ein ziemlicher Schock. Kurz zuvor hat auch Dean Hawkshaw eine gute Chance für die Gäste gehabt. Das zuvor so einseitige Spiel droht tatsächlich zu kippen.

Aber mitten in die betretene Stille hinein erwacht die Nordkurve zu neuem Leben. Noch bevor die Kilmarnock-Spieler zurück in ihrer Hälfte sind, intonieren die Ultras trotzig »Celtic! Celtic!« Die Trommeln der »Green Brigade« durchschneiden den Glasgower Nieselregen, und mit einem Mal klingen die Gesänge von den Stehplätzen doppelt so laut, doppelt so inbrünstig wie zuvor.

Moment mal. Ultras? Trommeln? Und vor allem: Stehplätze? In Großbritannien, dem Hort der reinen Sitzplatzarenen und der Friedhofsstimmung auf den Tribünen?


Der Dschungel wurde gerodet


Ja, seit einigen Wochen – genauer gesagt: seit einem Testspiel gegen den VfL Wolfsburg am 16. Juli – ist einiges anders im traditionsreichen Celtic Park von Glasgow. Oder vielleicht wäre es besser zu sagen, dass einiges wieder so ist wie früher. Etwa drei Jahrzehnte lang war Celtics Stadion nämlich berühmt für seine Gänsehautatmosphäre, was vor allem am Dschungel lag.

»The Jungle« – so hieß die zweitberühmteste Stehtribüne der Welt (nach dem »Kop« in Liverpool). Hier standen 10 000 Celtic-Fans Schulter an Schulter und sangen sich die Seele aus dem Leib. Der Spitzname entstand mit großer Wahrscheinlichkeit wegen des maroden Zustandes der Tribüne, doch er passte auch vorzüglich zur Intensität und Leidenschaft der Anhänger. Bis 1994. Da wurde der Dschungel gerodet. Der Verein modernisierte den Celtic Park von Grund auf – und natürlich war in der Moderne kein Platz mehr für so etwas Altmodisches wie Stehplätze.

»Das war der Anfang vom Ende«, sagt Jason Higgins, während er die Kapuze seiner grünen Regenjacke übers spärlich behaarte Haupt streift. Higgins stammt aus Wishaw, einer Kleinstadt südlich von Glasgow. Er geht seit 1977 zu den Spielen von Celtic. Er besitzt gleich mehrere Jahreskarten, weil seine ganze Familie durch und durch grün-weiß ist. Doch irgendwie ist es nicht mehr wie früher. »Nach dem Umbau war die Stimmung im Eimer«, sagt er. »Von da an wurde es immer schlimmer. Überhaupt keine Atmosphäre mehr.«