Endlich ist Bayern wieder Bayern

A Sternstunde war's, oder Spatzl?

Gut für Dantes Glücksbilanz: Das 6:1 von München gleicht das 1:7 von Belo Horizonte beinah aus. Wenn Brasilianer nicht mehr weinen und der Monaco Franze lacht – dann ist diesem FC Bayern alles zuzutrauen.

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Am Ende fehlte ein Tor, um die Reminiszenz perfekt zu machen. Ein Tor, um Dante Bonfims ganz persönliche Glücksbilanz wieder auszugleichen. Beim 6:1 des FC Bayern gegen den FC Porto wurden Erinnerungen wach – an das 7:1 der deutschen Nationalelf gegen Brasilien im WM-Halbfinale vor zehn Monaten, den Schock von Mineirão.

Beide Mannschaften überrollten ihre Gegner wie eine Naturgewalt, beide führten zur Halbzeit bereits 5:0, beide ließen die Fernsehzuschauer am Rande der Begeisterungsohnmacht balancieren. War das wirklich live oder ein auf die Höhepunkte der deutschen Fußballgeschichte verdichteter Youtube-Zusammenschnitt? Brasilien und Porto: Zwei Spiele, nach denen die Generation Beckenbauer und die Generation Götze in ihrer Freude einander näher waren als je zuvor, jenseits von Nostalgie und WTF – einfach nur glücklich. »Wenn dir etwas gefällt, analysiere es nicht, sondern tanze dazu!«, titelte der 11FREUNDE-Liveticker nach dem 7:1 am 8. Juli 2014.

Wie eine unkontrollierte Sprengung

Doch nicht nur das fehlende Tor macht den Unterschied zwischen den beiden Partien aus. Vor dem sagenhaften WM-Halbfinale waren es die Brasilianer gewesen, die larmoyanten Gastgeber des Turniers, die unter einem enormen, vor allem von ihnen selbst als unmenschlich empfundenen Druck gestanden hatten. Vom Anstoß weg, spätestens aber nach dem 1:0 durch Müller in der 11. Minute brachen sie darunter zusammen: Der Anblick dieser Truppe glich dem einer unkontrollierten Sprengung. Vor dem sagenhaften CL-Viertelfinale lastete der Druck allerdings auf den Bayern: Das Hinspiel in Porto mit 1:3 verloren, dabei täppisch gewirkt, Dr. Müller-Wohlfahrt vergrault, den Familienfrieden gestört – und von einem Spiel aufs andere vergessen, wer »mia« eigentlich sind.

Umso eindrucksvoller ist dieser Sieg gegen Porto. Denn er ist ein doppelter: Nicht nur der starke Gegner wurde niedergerungen, sondern auch der Zweifel an der eigenen Stärke. Ein magischer Moment, eine allzu typisch bajuwarische Dramaturgie, ein Historienbild von einem Spiel: Plötzlich reißt der Himmel auf über dem Weltdorf München, er ist blau-weiß kariert, die Sonne lacht wie die junge Uschi Glas, aus Pep wird Sepp Guardiola, ihm platzt sogar die Hose vor Stolz. Wenn der Druck weg ist, war er nie da.

Gibt es einen besseren Ort, um Fußball zu spielen und zu schauen, als diesen, wenn man das Leichte, scheinbar Mühelose liebt? An solchen Tagen muss der Neid auf den FC Bayern in Hamburg, Bremen, Wolfsburg, Gelsenkirchen am stärksten sein. Schön ist es, auf der Welt zu sein, sagt der Philipp zu dem Schweinilein. Und der Monaco Franze ruft: »A rechte Sternstunde war's, oder Spatzl?«

Zuviel des Guten ist ihm gerade gut genug

Jetzt wollen sie sogar den Mull zurückholen. Es ist zu schön, um wahr zu sein. Aber der FC Bayern, dieser herrlich barocke Supersuperverein, bricht nun mal unter Druck ebensowenig zusammen wie unter der Last des eigenen Kitsches. Zuviel des Guten ist ihm gerade gut genug.

Nur Dante Bonfim, dem fehlt immer noch ein Tor.