Eltern-Ratgeber für Fußballfans

Mein Sohn will ich nicht sein

Dirk Gieselmann hat zwar noch keine Kinder, und trotzdem macht er sich Sorgen. Was, wenn sein Sohn einmal Kirmestechno hört? Noch schlimmer: Wenn er nicht Fan seines Vereins wird? Ein albtraumhafter Blick in die Zukunft. Eltern-Ratgeber für Fußballfans
Mein Vater liebt Fußball in etwa so, wie Julio Iglesias die Liebe liebt. Und wie Iglesias nicht nur eine Frau hatte, ist auch mein Vater nicht nur Fan eines Vereins.

[ad]

In den 50er Jahren sah er Schalke 04 gegen Preußen Münster mit dem »100.000 Mark-Sturm« um Fiffi Gerritzen und Adi Preißler. Ein unvergessliches Erlebnis, seit dem er starke Sympathien für die Adler hat. Er saß vorm Röhrenradio, als Deutschland Weltmeister wurde, in »dem Fritz sei Wedder«, und war den Walters, Horst Eckel, Werner Liebrich, Werner Kohlmeyer und dem ganzen 1. FC Kaiserslautern für immer dankbar. Seine Lehrzeit verbrachte er in Bielefeld und Herford, später zog er in die Nähe von Bremen, und immer schloss er den Lokalmatadoren in sein Herz. Während der 70er Jahre mochte er zudem die Gladbacher, weil sie die Bayern ärgerten, und so gerecht er seine Liebe verteilte, in einem war er sich immer sicher: die Münchner mochte er nicht.

Ich wurde kein Julio Iglesias, ich wurde ein Dieter Thomas Heck

Als ich klein war, prangten auf seinem Kombi diese sechs Aufkleber: einer von Preußen Münster, einer vom FCK, einer von der Arminia, einer vom SC Herford, einer von Gladbach und einer von Werder. Von den beiden Rauten war ich besonders fasziniert, ein Rest davon findet sich heute im Mitleid für die Borussia, wenn sie verliert. Aber die Werder-Raute setzte sich durch und ließ keinen Platz für irgend etwas anderes. Ich wurde kein Julio Iglesias, ich wurde ein Dieter Thomas Heck. Monogam, verheiratet, treu, bald feiern wir Silberhochzeit. Na gut, einmal ging ich fremd. Mitte der 90er, als Werder sich ziemlich gehen ließ, hatte ich eine Affäre mit dem FC St. Pauli. Aber die dauerte nur zwei Monate und endete im Abstieg. Ich bereue das zutiefst, und bin heute umso mehr Pantoffelheld.

Es musste wohl so kommen, weil mancher eben, ob er nun will oder nicht, das Gegenteil von seinem Vater wird.

Das stürzt mich nicht selten in tiefste Sorge. Zwar habe ich selbst noch keine Kinder, doch denke ich oft daran, was es wohl für meinen Sohn und mich bedeuten möge, wenn er kein Werder-Fan würde. Schon wenn er nicht meinen Musikgeschmack teilte, wäre das eine Kränkung. Kirmestechno aus dem Jugendzimmer wäre nur schwer zu ertragen. Aber wenn er Bayern-Fan wäre, einer, der mir die Spieler wegkauft, ein Rekordmeister mit Festgeldkonto, ein Amigo – nicht auszudenken! Nicht, solange er seine Füße unter meinen Tisch stellt! Ich würde ihn zu bekehren versuchen, mit Videos der schönsten Grätschen von Dieter Eilts, Werder-Chronik als Gute-Nacht-Geschichte, Wochenendausflügen ins »Wuseum«.

Meine Herren! Ich werde wirklich ein unerträglicher Vater sein. Mein Sohn möchte ich nicht sein. Ich hatte es da um einiges besser. Mein Vater nahm’s locker. Er hatte sechs Aufkleber auf dem Kombi: Preußen, FCK, Arminia, Herford, Gladbach, Werder. Ich durfte mir einen Verein aussuchen.