Elf Szenen der Saison (7/11)

Rot-weiße Wolken

Der letzte Spieltag in der 3. Liga: Nach einer durchwachsenen Saison hatte es Fortuna 95 selbst in der Hand, in den richtigen Fußball zurückzukehren: AUF – ZU – STEIGEN. Thorsten Schaar war dabei – und sah Familienväter im Sturm auf den Rasen. Elf Szenen der Saison (7/11)Imago Szene: Fortuna-Fans stürmen das Spielfeld der LTu-Arena und tragen Grasbüschel hinaus wie Plastiksprengstoff
Datum: 38. Spieltag, 23.05.2009 (3. Liga)
Ort: Düsseldorfer LTU-Arena
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Es hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet in der Stadt an der Düssel, schon am Dienstagabend gab es praktisch kein Ticket mehr für das Spiel. Dabei fand die Partie gegen Werder Bremen II, die wie ein großes Finale angeteasert wurde, gar nicht am Flinger Broich statt, dem kleinen Schmuckkästchen, sondern in der ungeliebten Multifunktionsarena. Der Mehrzweckbau heißt wie ein Flugfahrtunternehmen, welches längst nicht mehr existiert. Fassungsvermögen: 50.095. Die lokalen Medien verbreiteten während der Woche auf allen Kanälen die Mahnung, rechtzeitig ins Stadion zu gondeln: mindestens zwei Stunden vorher. Ein möglicher Grund: Die modernen Einlasskreuze kosten Zeit. Ein weiterer: Der Stadionbesuch will gelernt sein. Eine Tageszeitung gab auf ihrer Homepage besorgt Nachhilfeunterricht, weil schon so lange nicht mehr so viele Fans zur Fortuna geeilt waren. Ein wichtiger Hinweis lautete: Novizen, nicht wundern, wenn alle Spieler des Gegners denselben Namen tragen!

So setzte sich die Karawane am Samstag ab 10 Uhr in Bewegung. Eine ähnliche Massenbewegung ist in dieser Stadt sonst nur einmal im Jahr zu beobachten: zu Karneval. Diesmal hatten alle dieselbe Kostümierung gewählt. Der Dresscode in der Modestadt lautete: rot-weiß. Eine unglaubliche Zahl von Menschen war mit dem Fahrrad oder Motorrad unterwegs, die Stadionvorwiesen wurden bald zu einem riesigen Zweiradparkplatz umfunktioniert. Zu allem Überfluss war der Fußballgott milde gestimmt. Ein Spieler namens Christ traf zum 1:0, eine verunglückte Flanke, übrigens genau an dem Ort, wo noch zwei Tage zuvor 46.000 Neuapostolen einen Gottesdienst gefeiert hatten. Das Pfeifkonzert, als die Nachspielzeit nicht verrinnen wollte, war lauter als das Jammern über zehn verschenkte Jahre. Stürmer Jovanovic flehte die Schiedsrichterin an, es wirkte so, als wollte er sie liebevoll umarmen.


Und dann pfiff sie endlich ab. Was nach dem Doppelpfiff passierte, erinnerte an einen klassischen Wim-Wenders-Moment. So wie der Filmemacher den Himmel gerne im Zeitraffer zeigt, blitzschnell aufziehende Wolken, die den Himmel verdunkeln, bedeckte eine rot-weiße Wolke schlagartig das Spielfeld. Blitzschnell hatten unsichtbare Helfer die Werbebanden abgesenkt, so dass alle auf den Platz stürmen konnten. Es war geradezu eine Einladung, ins Innere zu gelangen. Früher haben das nur ganz spezielle Haudegen gemacht, diesmal waren selbst Familienväter mit hinab gestiegen. Mit bloßen Händen gruben sie Grasbüschel aus und trugen sie herum, als wäre es Plastiksprengstoff. Hinterher sangen alle zusammen den Psalm, den die Spieler in der Kabine dichteten: »Dritte Liga war schön, Zeit für uns zu geh’n«. In dieser dritten Halbzeit ist den Düsseldorfer sogar ihr ungeliebtes Stadion ans Herz gewachsen.