»El Filtrador« – Guillermo Stábile

Der erste WM-Torschützenkönig

Weil er stets die Lücke vor dem gegnerischen Tor fand, nannte man Guillermo Stábile »El Filtrador«, den Filter. Mit acht Toren in vier Spielen wurden er 1930 Torschützenkönig der ersten Fußball-WM. Heute vor 105 Jahren wurde er geboren. »El Filtrador« – Guillermo Stábile Es braucht nicht viele Spiele, um eine nationale Ikone zu werden. Guillermo Stábile aber, Argentiniens erster WM-Held, war fast schon ein wenig dreist in seinem Minimalismus: In nur vier Fußball-Partien schwang er sich zum Held eines ganzen Landes auf.

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Heute vor 105 Jahren in Parque Patricios, einem Stadtteil von Buenos Aires geboren, begann Stábile seine Karriere bei CA Hurucán. Zunächst als Halbstürmer vorgesehen, wechselte der noch nicht volljährige Angreifer in die Zentrale, nachdem sich ein Mitspieler kurz vor dem Saisonstart verletzt hatte. Keine falsche Positionswahl für den technisch nicht sonderlich auffälligen, aber unglaublichen schnellen Mann: In seiner ersten Spielzeit gelangen Stábile – so denn der Statistik Glauben zu schenken ist – 48 Tore. Schon bald verpasste das Volk dem Sprinter, der angeblich schon mit 15 Jahren die 100 Meter in 11 Sekunden bewältigt hatte, seinen Spitznamen: »El Filtrador«, der Filter. Die Lücken, die seine Halbstürmer mit ihren Dribblings in gegnerischen Strafräumen aufrissen, sahen von der Tribüne tatsächlich aus wie Kaffeefilter – in dessen zulaufende Spitze Stábile mit Steilpässen geschickt wurde und sich zumeist mit Toren artig bedankte.

Das erste WM-Spiel Argentiniens sieht Stábile von der Bank

1925 und 1928 sicherten sich Hurucán und seine so erfolgreiche Sturmspitze die nationale Meisterschaft; 1930, Stábile hatte gerade seine letzte Saison für CA beendet, lud ihn Argentiniens Nationaltrainer Francisco Olazar in den Kader zur ersten Weltmeisterschaft nach Uruguay. Die Weltmeisterschaft – eine Erfindung des Franzosen Jules Rimet. Doch die Europäer nahmen das Turnier in seiner Urform noch nicht so ernst. Neben dem Land des WM-Entdeckers tauchten tatsächlich nur Belgien Rumänien und Jugoslawien als europäische Vertretung auf. Und gegen Frankreich startete auch Argentinien ins Turnier – ohne Länderspielfrischling Guillermo Stábile. Der musste von der Bank auszusehen, wie Luis Monti erst nach 81 zähen Minuten die Siegtreffer für Argentinien gelang.

Im zweiten Spiel gegen Mexiko stand Stábile dann aber auf dem Rasen – einem kuriosen Zwischenfall sei Dank. Halbstürmer Roberto Cherro, so die Legende, habe vor lauter Jubeleinlagen über das 1:0 gegen Frankreich einen Nervenzusammenbruch erlitten. Wie auch immer: Stábile ließ alle Kritiker verstummen. Beim 6:3-Sieg schoss er drei Tore. 76 Jahre lang galt Stábiles Dreierpack als »erster Hattrick der WM-Geschichte«, bis sich die FIFA die Mühe machte und noch einmal genau nachschaute: Tatsächlich heißt der eigentliche Träger dieses inoffiziellen Titels Bertran Patenaude. Ein US-Amerikaner, dem zwei Tage vor Stábiles Toren bereits ein Hattrick beim 3:0 seiner Mannschaft gegen Paraguay gelungen war.

80.000 warteten in Montevideo auf Stábile und Argentinien

Doch im Halbfinale Argentinien gegen die USA war es schließlich Stábile, der beim 6:1-Erfolg für klare Verhältnisse sorgte. Er schoss zwei Treffer, wie schon zuvor im letzten Gruppenspiel gegen Chile (3:1). Argentinien zog ins erste WM-Endspiel der Geschichte ein und am 30. Juli 1930 warteten 80 000 Zuschauer im Estadio Centenario von Montevideo auf Gastgeber Uruguay und Argentinien. Uruguay gewann das erste WM-Endspiel der Geschichte mit 4:2 und wurde Weltmeister, daran konnte auch Angreifer Stábile nichts ändern. Immerhin gelang ihm wieder ein Tor – sein achtes, der erste WM-Torschützenkönig aller Zeiten ist gefunden.

Vier Länderspiele hat Stábile gemacht, acht Tore erzielt, in jeder Partie mindestens einen Treffer. Und er wird nie wieder für das Land seiner Eltern auflaufen. Später, nach seinem Wechsel zu Red Star Paris, versuchte er sich noch einmal als Nationalspieler Frankreichs. In einem Freundschaftsspiel gegen Österreich gelangen – so die Legende – prompt vier Tore.

1939 beendete Stábile nach Kurzauftritten in Genua, Neapel und Paris seine Karriere und wurde argentinischer Nationaltrainer. Sechsmal gewann er die Copa América, dann ist auch diese Epoche seines Lebens zu Ende. Und weil diesem Mann eigentlich alles gelang, brachte er es auch abseits des Fußballplatzes als Geschäftsmann zu Ehre und Reichtum. Genießen konnte Stábile das schöne Rentnerdasein allerdings nur ein paar Jahre: »El Filtrado« wurde nur 60 Jahre alt. Die Oberschicht von Buenos Aires widmete ihm nach seinem Tod 1966 ein Staatsbegräbnis mit allem Prunk und Pomp. Auf den Fußball-Plätzen Argentiniens trauern sie bis heute um ihn. Um Guilleromo Stábile, der Mann, der nur vier Spiele brauchte, um ein ganzes Land zu verzaubern.

Heute wäre er 105 Jahre alt geworden.