Eklat beim Länderspiel Serbien gegen Albanien

Der Flug der Drohne

Zum ersten Mal seit 1967 traf eine albanische Nationalelf auf eine serbische Auswahl. Es war ein Hochrisikospiel – und ging nicht gut.

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Ermir Lenjani fliegt durch die Luft. Eben gerade hat er mit einem Linksschuss gegen Dänemark das 1:0 erzielt. Er schlägt einen Salto und noch einen, während sich die 12.000 Fans im ausverkauften Stadion von Elbasan in den Armen liegen. Was geschieht hier? Nach dem überraschenden Sieg gegen die hoch favorisierten Portugiesen im ersten Gruppenspiel steht Albanien am vergangenen Samstag im zweiten Gruppenspiel vor der nächsten Sensation.
 
Vermutlich strahlte der Fußballhimmel nie so hell über der Elbasan-Arena. Selbst das späte 1:1 trübt die Stimmung nur unmerklich, denn Albanien steht nach dem Spiel trotzdem weiterhin auf Platz zwei seiner EM-Qualifikationsgruppe, punktgleich mit Tabellenführer Dänemark und vor Portugal.
 
Albanien, 2,8 Millionen Einwohner, größter Erfolg der Sieg beim Balkan-Cup 1946, hat sich bis dato noch nie für eine EM oder WM qualifiziert, doch in den Stunden nach dem Dänemark-Spiel beginnen die Spieler und Funktionäre zu träumen. »Eine EM-Teilnahme würde uns sehr viel bedeuten«, sagt etwa Redi Jupi, Chef des albanischen »Nationalteam Department«. Und auch Torschütze Lenjanin ist ganz aufgewühlt. »Das war ein tolles Gefühl«, sagt der kleine Linksverteidiger des FC St. Gallen. Doch dann hält er inne. Richtig wichtig werde es erst in vier Tagen. »Am Dienstag werden wir 200 Prozent geben!«

Das Spiel der Spiele: Albanien gegen Serbien

Es ist das Spiel der Spiele. Albanien gegen Serbien. Im Belgrader Partizan-Stadion. Ein Losfee-Quartett um Andreas Köpke hatte die beiden Länder am 23. Februar 2014 der Gruppe I zugewiesen. Das Raunen war groß. Für wenige Optimisten barg das erste Aufeinandertreffen seit 1967 die Hoffnung, der Welt und den Regierungen zu zeigen, dass man im Fußball Konflikte überwinden kann. Für die meisten jedoch wirkte das Los wie eine Verabredung zu einer Zigarren-Verkostung in einem Sprengstofflager.
 
Jahrelang hatten die Albaner im Kosovo nach der Auflösung Jugoslawiens um ihre Unabhängigkeit von Serbien gekämpft. Der Kosovokrieg kostete über 10.000 Menschen das Leben, mehr als eine Million wurden vertrieben. 1999 wurde er mit Hilfe eines NATO-Bombardements beendet. Oder besser: für beendet erklärt.
 
Tatsächlich schwelt der Konflikt immer noch, und als die kosovarische Regierung 2008 ihre Unabhängigkeit erklärte, wurde diese zwar von die von Staaten wie Deutschland, Frankreich oder den USA anerkannt – nicht aber von Serbien.
 
Heute darf der Kosovo zwar offizielle Freundschaftsspiele bestreiten, aber nicht an Fifa- oder Uefa-Turnieren teilnehmen. Im Gegensatz zu den Albanern, die zuletzt in der WM-Qualifikation an der Schweiz scheiterten. Im »Guardian« äußerte Kosovos Verbandschef Vadil Vokrri neulich: »Ich möchte nicht über Serbien oder Albanien reden, die Spannungen sind zu groß.«
 
Tatsächlich werden die Albaner in großen Länderspielen oft von den Kosovaren unterstützt. Im aktuellen Albanien-Kader stehen zudem sieben Spieler, die im Kosovo geboren wurden. So auch Ermir Lenjani.

Gewalt- und Mordfantasien

Die Partie war deswegen bereits vor Wochen von der Uefa als Hochrisikospiel eingestuft, was bedeutete, dass weder bei Hin- und Rückspiel Gästefans zugelassen waren. Dafür erntete die Uefa Kritik. Doch lauter traten jene Leute auf den Plan, die den Fußballverband dafür kritisierten, diese Auslosung nicht noch einmal überdacht zu haben. Um die Brisanz des Aufeinandertreffens zu verstehen, reicht eigentlich ein Blick auf Youtube, wo man hunderte Videos findet, die »Big Albania, fuck Serbia« oder »Kosovo Is Serbia, Fuck Albania!!!« heißen und in denen ganz unverblümt Großmacht-, Gewalt- und Mordfantasien ausgelebt werden.
 
Als das Spiel am 14. Oktober um 20.45 Uhr angepfiffen wird, ist die Situation dementsprechend angespannt. Milos Saranovic, Reporter des serbischen Senders B92, berichtet später der BBC: »Es war eine politisch höchst explosive Stimmung. Ich kann mich nicht erinnern, in den vergangenen Jahren so viele Polizisten bei einem Fußballspiel gesehen zu haben.«