Eine Ode an den Fußballvater

Urlaub vom Leben

Sie fuhren uns zum Training, ließen jeden Ball ins Tor kullern und setzten uns auf die stärkste Droge der Welt. Grund genug, unseren Vätern einfach mal Danke zu sagen.

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Hallo Papa,
wahrscheinlich wirst Du das hier gar nicht lesen, weil Du heute etwas besseres zu tun hast, als zu lesen. Zudem glaubst Du nicht an dieses Internet und Gefühle sind Dir fremd wie Tofu-Würstchen. Und dennoch muss ich Dir hier, heute und jetzt mal was sagen: Danke!

Danke dafür, dass Du mich schon in frühesten Kindertagen auf die stärkste Droge der Welt gesetzt hast: Fußball. Diesen Sport, den ich binnen Sekunden abgrundtief hassen und über alles lieben kann. Dieses Hobby, das Beziehungen zerstört, Freundschaften vor die Zerreißprobe gestellt und meine Freizeit im Laufe der Jahre fast systematisch gelenkt hat. Dieses Spiel, das ich von Dir gelernt habe wie Löcher bohren oder Fahrradreifen flicken. Das ich meistens verehre. Mit Haut und Haar. Das mir zahllose Endorphinschübe verpasst hat, Tränen in die Augen und mich in die Arme von verschwitzen Unbekannten trieb.

Mein erster Steilpass ging auf Dich. Meine erste Flanke landete auf Deinen Kopf. Du stelltest Dich zwischen die Pfosten, wenn ich Tore schießen wollte. Und sprangst mit Absicht am Ball vorbei, wenn ich es mal wieder nicht hinbekam. Bei Sonne, Regen, Schnee, Sturm. Du bautest mir zwei Fußballtore in den Garten. Zum Dank ruinierte ich deinen Rasen, deinen Gartenteich und das Verhältnis zu unseren Nachbarn. Du hast mich das erste Mal mit ins Stadion genommen, meinen ersten Fanschal bezahlt, meine erste Stadionwurst. Du nahmst mich auf die Schultern, als mir die Menschen vor uns die Sicht versperrten. 80 Minuten lang. Ich war kein dünnes Kind.  

Urlaub von all den Arschlöchern

Du hast mich zu jedem Spiel gefahren. Samstagsmorgens. Quer durch den Landkreis. Du hast meine Schuhe geschnürt, meine Schienbeinschoner angelegt und als sich kein anderer Dummer dafür gefunden hat, wurdest Du auch noch mein Trainer. Ich war mittelmäßig talentiert, stand gerne abseits des Balles und beobachtete lieber die Heißluftballons in der Luft als das Spielgeschehen um mich herum. Das muss dich wahnsinnig gemacht haben, auch weil Du selbst mal ein passabler Fußballer gewesen bist. Doch Du hast es Dir nicht anmerken lassen, hast mir die Dinge tausend Mal erklärt, bis ich endlich begriff, was Fußballspielen eigentlich wirklich bedeutet. Denn bei all dem Ernst, der manchmal auf den Rasen herrscht, war Deine wichtigste Lektion, dass man niemals den Spaß am Spiel verlieren darf. Weil Fußballspielen dann nichts anderes mehr ist als Arbeit. Dabei sollte es Urlaub sein. Urlaub vom Job. Von all den Arschlöchern. Vielleicht sogar vom Leben.

Das Schmiermittel unserer Beziehung

Bis heute diskutiere ich öfter mit dir über die Irrungen und Wirrungen des Welt- und Kreisklassefußballs als über Bahnstreiks, Finanzkrisen und Nahostkonflikte. Weil Fußball seit jeher das Schmiermittel unserer Beziehung ist. Das halten manche für eindimensional. Sollen sie doch. Ich liebe es.

Papa, Du bist kein begnadeter Rhetoriker wie Jürgen Klopp, kein genialer Taktiker wie Pep Guardiola, kein arroganter Provokateur wie José Mourinho. Und dennoch bist Du für mich der beste Trainer der Welt. Auf und außerhalb des Rasenrechtecks.

Aber wahrscheinlich wirst Du das hier niemals lesen. Vielleicht ist es besser so, weil Du dann vermutlich anrufen würdest. Du würdest nicht »Danke« sagen. Wofür auch? Du würdest fragen: »Was bitte sind Tofu-Würstchen?« Danke auch dafür.