Eine Ode auf den Leitwolf Stefan Effenberg

Freund der Sonne

Kaum ein Spieler hat derart polarisiert wie Stefan Effenberg. Heute wird der Tiger 50 Jahre alt. Zeit für eine Würdigung. 

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Möglicherweise gefällt euch dieser Text nicht, aber wisst ihr was? Das ist mir scheißegal, Freunde der Sonne. 

So oder so ähnlich würde Stefan Effenberg wohl einen Text beginnen, wäre er Journalist und nicht Fußballprofi geworden. Gücklicherweise ist das nicht passiert, es gibt aktuell schließlich schon genug wütende Texte. Vor allem aber hätte das Land einen, wenn nicht den schillerndsten Fußballer der letzten zwanzig, dreißig Jahre verloren. Anlässlich seines 50. Geburtstags ist es an der Zeit, mal Danke zu sagen. Denn der deutsche Fußball wäre ohne ihn ein ganzes Stück langweiliger.

Für jene, die es um das Jahr 2000 herum nicht mit den Bayern hielten, war Effenberg so etwas wie der Antichrist. Der beste Fußballer seiner Generation, und noch dazu der lauteste, auffälligste, der, der sich einen Tiger ins Haar rasieren konnte, wenn er wollte. Einer, den man als Fan der gegnerischen Mannschaft aufrichtig hassen konnte, weil man sich so einen insgeheim in der eigenen Mannschaft wünschte, auch wenn man das niemals zugegeben hätte. Und weil er diesen Hass stolz vor sich hertrug, wie einen Orden auf der Brust. Als er beim legendären Bundesligaspiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München im April 2001, dem mit 13 Karten kartenreichsten Spiel der Bundesligageschichte, mit Gelb-Rot vom Platz flog, warf er dem geifernden Publikum auf dem Weg in die Kabine Handküsse entgegen. 80.000 gegen einen, Effenberg sah sich in diesem Moment dennoch auf Augenhöhe, und verdammt, vielleicht war er das auch. 

Die Grätsche als Kunstform

Mitunter nervten seine Ecken und Kanten, die fiesen Interviews, das ständige Balzverhalten, die hässlichen Fouls. Allein: In seiner Art war Effenberg immer kompromisslos ehrlich, mitunter schmerzhaft, außerdem unglaublich erfolgreich. Eben weil er so war, wie er war. Etwa die Fouls. Effe erhob die wohltemperierte Dominanz-Grätsche zur Kunstform. Als sich im Champions-League-Finale 2001 der Spanier Gaizka Mendieta anschickte, das Spiel seines Lebens zu machen, zog ihm Effenberg nach zehn Minuten mit einer ordentlichen Sense den Stecker. Das Ende ist bekannt. Eine ähnliche Szene ist von Giovane Elber überliefert, dem Effenberg ein Foul an David Beckham im Bernabeu ankündigte und prompt auch durchzog, um anschließend über dem Engländer zu stehen und ihn anzubrüllen: »Stand up! Play football!«. Auch Mehmet Scholl sagte einst über ein Foul Effenbergs an Roberto Carlos (Jesses, wen hat Effenberg eigentlich nicht umgehauen?), mit Effenberg im Team fühle man sich unbesiegbar. Dabei hatte Effe nie das Hinterfotzige eines Sergio Ramos oder das Borderline-Psychopathische seines Nachfolgers Marc van Bommel. Effes Fouls waren immer wie Effes Interviews: Bisschen ungestüm vielleicht, aber dafür geraderaus, und mit Wirkung.

Es gibt wenige, wahrscheinlich sogar gar keine Bereiche des Lebens, in denen derlei Alphatiergehabe angebracht oder in Ordnung ist, mit dem professionellen Sport als einer der wenigen Ausnahmen. Nahezu alle ehemaligen Mitspieler Effenbergs, die an seiner Seite und teils auf seinen Schultern ihre Titel gewonnen haben, dürften das bestätigen, auch wenn natürlich viele mit ihm kollidierten, zumal dann, wenn sie ähnlich große Egos hatten. Dem »Pfau, dem Superpfau, dem Effenberg« (O-Ton Andreas Herzog) war das freilich egal, in der Kabine des FC Hollywood war er der der Star unter Stars. Wo sich Matthäus auswechseln ließ, blieb Effe auf dem Platz. Und wenn der ganze Kahn dann doch mal absoff, so wie 1999, dann war der Kapitän (der er nicht war) wenigstens an Bord geblieben. Effenberg war auch deswegen so oft der beste, weil er das immer als selbstverständlich vorraussetzte.

»Ich bin der Effenberg. Ich will hier sitzen. Verpisst Euch!«

Die große Tragik ist dabei, dass Effe die Silberrückenmentalität nie in der Kabine lassen konnte. Legendär, wie er arglose Medienvertreter zurechtrückte, als wären sie verschüchterte A-Jugendliche, die ihm im Training nicht den Ball zugespielt hatten. »Red ich mit dir? Na also«. Von Alkoholfahrten über Ehezoff bis hin zu Kneipenschubsereien und Gerichtsverfahren waren abseits des Platzes eigentlich alle ganz großen Klassiker des unsteten Fußballdiva-Lebenswandels dabei. Einen Streit im P1 soll er mal mit »Ich bin der Effenberg. Ich will hier sitzen. Verpisst Euch!« anmoderiert haben. Und man kann ihn sich gut dabei vorstellen, wie er einem sich entgeistert den Köchel reibenden Gaizka Mendieta etwas ganz ähnliches entgegengiftet. 

Als er noch Fußball spielte, verzieh man Effenberg seine Aussetzer und auch seine bollerige Art. Nach der Karriere ist das nicht mehr ganz so einfach. Der Einstieg ins Trainerleben misslang spektakulär, mittlerweile hat Effenberg das Potential, eine Erscheinung wie Mario Basler oder Lothar Matthäus zu werden. Er hätte es einfacher haben können, wenn er gelernt hätte, hier und da mal auf die Bremse zu treten.

Aber verdammt noch mal, das wäre doch langweilig gewesen. Alles Gute zum 50. Geburtstag, Stefan Effenberg.