Eine Liebeserklärung an ein kaputtes Fußballland

Bella Italia

Der italienische Fußball steht vor einer richtungsweisenden Frage: Bleibt alles beim Alten oder wagt man eine Revolution? Die Fans kennen die Antwort und haben eine klare Meinung.

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Er hat in China Pingpong gegen einen Roboter gespielt, in Katar einen philippinischen Ex-Studenten besucht, in London einen Vortrag am Imperial College gehalten. All dies tat Bruno Siciliano aus Liebe zu seinem Verein, der Società Sportiva Calcio Napoli.

Er reist mit der Mannschaft, wohin sie auch geht, er verlegt seine Arbeitseinsätze dahin, wo Napoli spielt, er scheut weder Kosten noch Mühen, er opfert seine Freizeit, seinen Schlaf, er riskiert sogar seine Gesundheit.

Auf dem Parkplatz des Juventus-Stadions in Turin stolperte er einmal nach einem Handgemenge mit einem übergriffigen Juve-Fan und brach sich einen Arm. Im Krankenhaus, »umgeben von Juventini«, wollte man ihm das Hemd aufschneiden, um den verletzten Arm freizulegen. Siciliano schrie Zeter und Mordio: »Es war das alte Trikot von unserem zweiten Meistertitel 1990. Nummer 10, Maradona! Ich zog es mir über den Kopf und sah Sterne dabei vor Schmerzen. Aber das Hemd blieb heil.«

Der Gips als Fan-Utensil

Er verließ das Krankenhaus mit einem Gipsarm, auf dem in Großbuchstaben »Juve Merda« prangte, Scheiß-Juve. Beim nächsten Heimspiel stand Siciliano wieder auf der Tribüne, den Arm in einen Napoli-Schal gebettet.

Außerhalb des Stadions trägt unser Mann meistens Anzug und Krawatte, beides maßgeschneidert, wie es sich gehört für einen weltläufigen Neapolitaner. Siciliano ist 56, mit einer Juristin verheirateter Vater dreier Kinder und als Professor für Robotik ein international renommierter Wissenschaftler. Doch die Karriere ist das eine, im Leben noch ein wenig wichtiger ist ihm das das andere: Napoli-Fan zu sein. »Doktor Jekyll und Mister Hyde«, sagt er über sich selbst. »Bei der Arbeit deutscher als die Deutschen. Aber beim Fußball – Neapolitaner.«

Natürlich muss man sich so viel Obsession erst mal leisten können. Napoli-Fans, die nicht wie Professor Siciliano zum Establishment ihrer Stadt gehören, können nicht mal eben zum Ligapokal nach Peking oder nach Doha fliegen, und ihren Terminkalender auf den Spielplan abzustimmen, schaffen auch die wenigsten. Aber Bruno Siciliano ist trotzdem ein typischer Napoli-Tifoso. Weil ihm nichts über Fußball geht und weil ihm das kein bisschen peinlich ist.

Traum nach guten, alten Zeiten

Wo immer er sich befindet, wirbt er für Napoli, egal, ob auf seinen Wissenschaftskonferenzen oder im Fernsehen, wo er oft als kommunikationsfreudiger Experte eingeladen ist, für Robotik, aber auch für Fußball.

Mit hunderttausend anderen träumt er von der Meisterschaft, die erstmals seit 26 Jahren zum Greifen nah scheint, zumindest hat Napoli die Hinrunde gewonnen. Mit Zehntausenden anderen sitzt er in einem Stadion, das seit dem letzten Titel nicht renoviert wurde und bis vor kurzem noch nicht einmal eine Anzeigetafel besaß, von VIP-Logen ganz zu schweigen.

Ein Stadion, das nicht nach einem Sponsoren benannt ist, sondern nach dem Apostel Paulus. Das mitten in der Stadt liegt, nicht weit vom Meer. Zweihundert Meter vom Südtor entfernt ist Bruno Sicilianos Büro in der Universitätsfakultät für Ingenieurswissenschaften, ebenfalls ziemlich heruntergekommen. Und doch wird hier auf Weltniveau geforscht.