Eine kleine Geschichte der Pyrotechnik in Deutschland

»Silvesterknaller und Mini-Bengalos interessierten bei den Kontrollen keinen««

Einem heutigen jüngeren Fan ist nicht nur die unaufgeregte, gar latent befürwortende Haltung der Vereine schwer begreiflich zu machen, sondern auch der schiere Umfang der Pyrotechnik, zumindest in den Hochburgen Kaiserslautern, Offenbach und Dortmund. In der UEFA-Cup-Saison 1992 / 93 nahm die Zahl der BVB-Bengalos mit jeder Runde zu, bis mehr als 80 Fackeln gleichzeitig auf der Südtribüne brannten. So berühmt war das Westfalenstadion für seine Bengaloshow, dass es auch hier Pyrotouristen gab. Wie zum Beispiel den Bayer-Leverkusen-Fan Marco Bertram, der heute als Onlinejournalist arbeitet und für das Webmagazin turus.net über Pyrotechnik in den Neunzigern geschrieben hat. »Mein erstes Auswärtsspiel mit Bayer war in Dortmund, und da haben wir uns gleich in die Südtribüne verliebt«, sagt er. »Wir sind dann zu guten Spielen nach Dortmund gefahren und haben uns mitten in den berühmten Block 13 gestellt.«

Daheim in Leverkusen nahm Bertram kleinere Sachen mit, wenn er ins Stadion ging: »Silvesterknaller, Goldregen, Wunderkerzen, Mini-Bengalos – so etwas hat man sich einfach in die Jackentasche gesteckt. Bei den Kontrollen interessierte es ja auch keinen, das waren kleine Kaliber.« Doch in Dortmund brannten richtige bengalische Fackeln, von denen viele Fans gar nicht wussten, wo man sie überhaupt erwerben konnte – es gab ja noch kein Internet. »Bei manchen Spielen war es unglaublich voll auf der Süd«, sagt Bertram, »und da hat man gehofft, dass nicht unbedingt direkt neben einem solch ein Bengalo gezündet wurde. Denn es war so eng, dass man nicht ausweichen konnte.«

Ob und wie oft damals tatsächlich etwas passiert ist, lässt sich schwer feststellen. »Ich denke schon, dass es gegen Ende hin öfter mal Brandverletzungen gegeben hat«, sagt FCK-Fan Leopold. »Schon allein, weil auch der Alkohol noch ins Spiel kam. Aber generell wird die Gefahr größer gemacht, als sie ist. Der Witz ist, dass ich 1994 vom Stehplatz auf die neue Nordtribüne gewechselt bin. Und beim ersten Spiel, das ich dort gesehen habe, hat mir jemand mit einer Zigarette ein Brandloch ins Sakko gesengt. In all den Jahren mit den Bengalos auf der Westtribüne war mir das nicht passiert!«

Ungefähr zu dieser Zeit, Mitte bis Ende der Neunziger, wurde den Vereinen die Sache im wahrsten Sinne des Wortes zu heiß. Nach und nach untersagten sie alle Formen von Pyrotechnik. Vielleicht hatte das auch mit einem Zwischenfall im September 1995 zu tun, der hohe Wellen schlug: Bei einem Spiel zwischen St. Pauli und Rostock verletzte ein aus dem Hansa-Block geworfener pyrotechnischer Gegenstand den Linienrichter und den St. Pauli-Keeper Klaus Thomforde.

Schließlich verschwanden die Bengalos sogar aus dem Stadion, aus dem sie gekommen waren – Kaiserslautern. Aber offenbar vermisste man den roten Schein auch beim Klub selbst. Denn als Fans im September 2000 Unterschriften sammelten, um ein kontrolliertes Abbrennen von Pyrotechnik zu erreichen, reagierte der FCK schnell. Aber falsch. Der Verein ließ rote Strahler unters Dach montieren und fuhr mobile Nebelmaschinen vor die Westtribüne, um das alte Bengalo-Feuer künstlich zu simulieren. Das war dem Lauterer Anhang unangenehm noch bevor Gästefans über »Rheumalampen« spotteten, und so stellte der FCK auf Druck seiner Zuschauer die »Discobeleuchtung« später wieder ein.

Doch irgendwie schloss sich damit auch ein Kreis. Denn viele Jahre zuvor hatte sich der 1. FC Kaiserslautern schon einmal mit mäßigem Erfolg als Pyroklub versucht. Das war am 3. November 1982, einem trüben Mittwoch. Der Betzenberg, auf dem der SSC Neapel gastierte, war in dichten Nebel getaucht. Fünf Minuten vor der Pause griff der Verein zu drastischen Maßnahmen. Einige Mitarbeiter des FCK stellten jeweils sieben bis acht Wachsfackeln hinter die Tore und zündeten sie an, während andere Holzscheite in Feuerkörbe aus Draht schaufelten und in Brand steckten. Die Flammen, so der Plan, würden den Nebel vertreiben. Als die Zuschauer das mitbekamen, hielten sie Feuerzeuge an ihre Stadionhefte und reckten die brennenden Programme als Billig-Bengalos in den Abendhimmel. Die Feuer-Show fand ein abruptes Ende, als die Neapolitaner sich anfangs der zweiten Hälfte beim Schiedsrichter über den Rauch beschwerten. So beendeten – welche Ironie! – ausgerechnet Italiener den frühesten dokumentierten Fall von organisierter Pyrotechnik in einem deutschen Stadion.