Ein Jahr mit Schalkes Trainer Domenico Tedesco

Wie sich Schalkes Philosophie verändert hat

Im Februar 2018 wird langsam absehbar, dass Schalke den Sprung in die Champions League schaffen kann. Was nichts daran ändert, dass Königsblau auf internationalem Parkett nicht satisfaktionsfähig ist. Julian Draxler, Leroy Sané, Leon Goretzka – wer Titel holen und in der europäischen Spitze spielen will, muss den Klub verlassen. Kann sich das ändern? »Ich kann dem Trainer nicht jedes Jahr drei neue Stars auf den Platz stellen«, entschuldigt sich Manager Heidel im Atrium der Schalker Arena. »Fragen Sie Leon!«, fordert er. »Der liebt den Trainer. Es gibt andere Gründe, warum er sich für Bayern entschieden hat.«

Gehobener Ausbildungsverein

Und es ist eben nicht nur Goretzka. Schalke ist derzeit ein gehobener Ausbildungsverein, auch der junge Max Meyer, der unter dem neuen Trainer seine Rolle auf den Leib geschnitten bekam, lässt im Frühjahr eine Frist zur Vertragsverlängerung kommentarlos verstreichen und sein Berater ätzt in Richtung Heidel: »Zwei E-Mails reichen nicht, um einen Schalker Jungen vom Verbleib zu überzeugen.« Es wird also im Sommer von vorne losgehen. Neue Talente in die Bundesliga bringen, die nächsten Draxlers, Meyers, Goretzkas. Tedesco sagt: »Wir brauchen Führungsspieler. Wir werden auch weiterhin welche haben. Und Menschen können auch in eine Rolle hineinwachsen.« Wer wüsste das besser als er?

Im März spielt Schalke gegen Freiburg. Vor gerade einem Jahr hat Tedesco bei Erzgebirge Aue angeheuert. Wie lange das schon her ist! Aus einem Jugendcoach in der Provinz ist ein fast schon gesetzter Bundesligatrainer geworden. Am Spielfeldrand geben sich Tedesco und Christian Streich die Hand. Der Freiburger Trainer ähnelt dem Schalker Kollegen in seiner Begeisterung und Besessenheit für die Details des Fußballspiels und ist trotzdem eine Art Gegenentwurf.

Ein Schlag reicht

Auf dem Platz der alte Abnutzungskampf. Wieder passt sich Tedescos Elf den Gegebenheiten an, es ist kein schönes Spiel. Zur Pause pfeifen die Fans, im Presseraum murren die Journalisten. »Das muss ja angeblich jetzt so sein, aber mir wurde Fußball anders beigebracht«, mosern die mitgereisten Reporter. Schalke wartet auf die eine Gelegenheit. Die dann kommt, als Elfmeter. Tedesco boxt in die Luft. Ein Schlag reicht, um den Gegner auszuknocken. Wieder mal.

Hat er sich sehr verändert in diesem Jahr? Hat er sich zu Herzen genommen, was ihm Helge Leonhardt bei dem Besuch in Benidorm ins Ohr geflüstert hat? »Das sind Wölfe da draußen, die dich fressen wollen. Du musst selbst zum Wolf werden!« Aber das ist nicht Tedescos Welt. Wie hat er es nach dem Derby formuliert? Er will Momente sammeln. Und sich das Glück des Augenblicks in Erinnerung rufen, wenn es mal nicht gut läuft. Zum Beispiel diesen Moment nach dem 4:4 im Derby. Da hat Tedesco bis spät abends im Büro gesessen. Trotzdem waren immer noch Fans auf dem Vereinsgelände, die ihn mit Sprechchören aufforderten, herauszukommen. Also griffen Domenico Tedesco und Zeugwart Enrico Heil um 23 Uhr die Platten mit dem übrig gebliebenen Mannschaftsessen und servierten es im Dunkeln den Anhängern. Es war eine Begegnung voller Freude über die bisweilen wunderbaren Wendungen des Fußballs. Ein Umschaltmoment, sozusagen.