Ein Jahr mit Schalkes Trainer Domenico Tedesco

Was tun, wenn niemand mehr den Ball haben will?

Eines eint ohnehin fast alle Bundesligisten: Den Ball will kaum noch jemand haben. Auch Schalke hat in der Hinrunde auf die Umschaltmomente gesetzt. Darauf, den Gegner im Augenblick des Ballverlustes in Unordnung zu bringen. Zur Rückrunde soll sich das ändern, in Spanien legt das Trainerteam daher den Fokus auf Ballbesitz. Es endet mit einer Ernüchterung: Aus den ersten vier Spielen nach der Winterpause holt Schalke nur vier Punkte. Eine kleine Krise, doch nicht zu vergleichen mit den Ungewissheiten zu Saisonbeginn.

Nach den Spielen schneidet Tedesco nun nicht mehr hektisch die Aufzeichnungen zusammen, um ein wenig mehr Zeit daheim zu verbringen. Auch wenn er morgens noch immer einer der ersten auf dem Vereinsgelände ist, kann er inzwischen auch bei der Familie Ruhe finden. Sie ist, wenn man das nach einem halben Jahr sagen kann, im Kreis Recklinghausen heimisch geworden. Sein liebster Raum im neuen Haus ist das Gästezimmer, das die Familie für die Tochter zum Spielen freigegeben hat. Dort sitzt Domenico Tedesco, während die Einjährige um seine Füße herum freudig ihre ersten Schritte macht. Er schaut durch das Fenster in den Garten. Laufen lernen, das war auch das Ziel, das Schalke 04 zur Rückserie hatte. Nicht immer nur auf den Gegner einstellen, sondern selbst die Richtung vorgeben.

Ökonomischer Fußball

Die Idee dahinter ist einfach und bestechend zugleich. Der Gegner kann durch geschickte Passfolgen in die falsche Richtung gelockt und blitzschnell ausgehebelt werden, ein wichtiger Glaubenssatz der württembergischen Fußballschule. Tedesco, der wie am Reißbrett entworfen durch dieses System kletterte, ist die Theorie geläufig. Ökonomischer Fußball, den Gegner laufen lassen, im richtigen Moment zustechen – das klingt schön. Aber es funktioniert nicht. Vor dem Spiel gegen Bayern entschließt er sich zu einem radikalen Schnitt: Das Team soll sich wieder am Gegner orientieren. Zur alten, neuen Taktik kommen Personalrochaden. Breel Embolo, über die gesamte Saison nur Ergänzungsspieler, steht in der Startelf. Sein Coach vertraut der Trainingswoche. Schalke verliert in München 1:2, für Tedesco aber keine Katastrophe. »Das hat mich trotzdem darin bestätigt, dass wir wieder auf dem richtigen Weg sind«, sagt er.

Der richtige Weg. Das sind in den nächsten Wochen Spiele, in denen der FC Schalke wenig spektakulären Fußball spielt und trotzdem meistens gewinnt. Beim abstiegsgefährdeten FSV Mainz 05 ist aus dem schönen Spiel mal wieder eine Schlacht um Umschaltmomente geworden. »Wir mussten das so annehmen. Mainz ist körperlich so stark, die hätten uns sonst aufgefressen«, sagt der Trainer. Schalke gewinnt mit 1:0.

Was der Neugier gewichen ist

Tedesco ist nach einem Dreivierteljahr auf Schalke auch abseits des Platzes vorsichtiger geworden. Er hat seine Erfahrungen gemacht. Jeder Coach muss sich die Frage stellen, wie viel Privates er preisgeben will. Manche Trainer sind da sehr rigoros, etwa Jens Keller, der während seiner Berliner Zeit beim emotionsgesättigten 1. FC Union stets betonte, nur einen Job zu machen. Und auch Tedesco ist verschlossener geworden. Beim Gespräch bleibt zum ersten Mal ein Angestellter der Presseabteilung neben ihm sitzen, schneidet die Unterhaltung mit. Das ist üblich in der Bundesliga, aber trotzdem neu. Die Neugier ist etwas der professionellen Routine gewichen. Wahrscheinlich muss das so sein.