Ein Jahr mit Schalkes Trainer Domenico Tedesco

Welchen Faktor wird Taktik noch spielen?

Tedesco entgleitet kurzzeitig der Konflikt. Auf einer Pressekonferenz prasseln die Fragen auf den Trainer ein. Sportjournalisten wissen, wie sie Trainer quälen können. Ob es für den Fall, dass Höwedes sich mit Juventus einig werde, ein Veto vom Trainer geben würde, wird er gefragt. Ihm entfährt die flapsige Antwort: »Grundsätzlich sollte man Reisende nicht aufhalten.« Ist dem Coach etwa egal, ob die langjährige Identifikationsfigur den Klub verlässt? Ein Steilvorlage für die Medien – und für den Spieler. »Reisende kann man aufhalten, wenn man will«, schreibt Höwedes in einem Brief an die Fans vor seinem Wechsel nach Italien. Und: »Ich gehe als Spieler, ich bleibe als Fan.« Dann ist er weg, und Tedesco wirkt plötzlich wie einer, der Schalke nicht verstanden hat. »Ich war der Buhmann«, sagt er wenige Wochen nach dem Wechsel. Der unterdrückte Zorn ist ihm anzumerken. Währenddessen sitzt Helge Leonhardt in Aue und leidet mit. »Als der Streit mit Höwedes aufkam, saß ich mit kribbelndem Bauch zu Hause und habe gesagt: „Du musst jetzt durchhalten, Dome.«

Der Zorn der Anhänger erreicht Tedesco rasch. Aus den schulterklopfenden Fans werden schreibende Kritiker. In einem Brief, den er im Büro am Trainingszentrum öffnet, weist ihn ein Anhänger zurecht: So ein arrogantes Verhalten gehöre nicht zu Schalke. Tedesco liest die Briefe, Nachrichten, Schlagzeilen – alles. Er will ja zuhören. Aber er muss sich auch schützen vor zu viel Druck und negativer Energie. Und so trifft er eine Entscheidung. Seit diesem Tag liest er keine Nachrichten mehr über sich und Schalke 04.

Matchplan

Zumal es viel zu tun gibt. Es geht wieder nach Berlin, diesmal zur Hertha. Ein Sieg wäre hilfreich, Schalke ist Tabellenneunter – drei Siege, drei Niederlagen, ein Unentschieden. Tedesco ist vor dem Spiel trotzdem zufrieden, er hat seine Defensive erheblich gestärkt. Auch in Gesprächen. Wie sieht er mit einigem Abstand den Konflikt mit Höwedes? »Die Geschichte ist wirklich auserzählt.« Nur mit einem Thema fängt man ihn immer ein: Fußball. Wenn er die Niederlage eine Woche zuvor in Hannover analysiert, dann stellt er sich im Hotelflur zwischen zentnerschwere Blumenkübel, um die undurchdringliche Manndeckung zu verdeutlichen. Er misst die Abstände zwischen den Terrakottapötten ab: keine Lücke. Aber jetzt will er es wissen. Die Schwachstellen im Berliner Spiel sind gefunden: »Wir warten, bis ihre Außenverteidiger rausrücken, dann greifen wir an.«

Doch die Verteidiger tun Tedesco den Gefallen nicht, stur halten sie ihre Positionen. Max Meyer spielt auf der Sechs. Schon in Aue beorderte der Trainer den dribbelstarken Mario Kvesic von der Außenbahn ins defensive Zentrum, um Ballsicherheit zu bekommen. Am Ende gewinnt Schalke mit 2:0. Ein Elfmeter, eine Unaufmerksamkeit des Gegners, Fußball kann bisweilen so einfach sein. „Das beste Spiel unserer Saison“, findet Tedesco noch Monate später. Weil seine Mannschaft die Ruhe bewahrt und heikle Situationen spielerisch gelöst hat. Es ist der Auftakt zu einer Serie. Schalke bleibt bis zum Jahresende in zwölf Pflichtspielen ungeschlagen, überwintert auf dem zweiten Platz und im DFB-Pokal.

Am Leistungslimit

Für das Wintertrainingslager reist das Team nach Benidorm, Spanien. Dort schaut auch Helge Leonhardt vorbei, der Präsident aus Aue. Er will mit Heidel klären, dass Schalke tatsächlich zur Stadioneinweihung kommt. Gleichzeitig bereiten sich die Olympioniken auf die Winterspiele in Pyeongchang vor. Die »New York Times« titelt, die Welt werde in Südkorea das Ende der Leistungssteigerungen erleben. Denn athletische Sportarten entwickeln sich seit der Jahrtausendwende nicht mehr weiter. Weltrekorde von Eisschnellläufern, Sprintern oder Weitspringern stagnieren. Gelangt auch der Fußball langsam an seine Leistungsgrenzen? »Noch nicht, aber bis zur nächsten Weltmeisterschaft könnte es schon so weit sein«, sagt Tedesco. Im Bereich der Trainingsoptimierung ließe sich noch an Schrauben drehen. Aber bald werden sich die körperlichen Fähigkeiten aller Bundesligaspieler angeglichen haben. Dann machen andere Faktoren den Unterschied aus. »Die Taktik wird immer entscheidender. Aber auch Einsatz und Wille«, sagt Tedesco. Schon jetzt ist in der Bundesliga ein athletischer Vorteil schwer auszumachen.