Ein Jahr mit Schalkes Trainer Domenico Tedesco

Menschenkenntnis und Benedikt Höwedes

Es vergeht aber nur wenig Zeit, dann kann der Trainer schon triviale Charaktereigenschaften seiner Spieler vortragen. Max Meyer, zählt er auf, duscht schnell, isst in Ruhe, ernährt sich sehr gesund. Der feine Humor von Franco Di Santo ist ihm nicht entgangen. Für den Trainer ist so etwas keine Spielerei, er zieht daraus Rückschlüsse auf die Ansprache, mit der er jedem Einzelnen begegnen kann. Einen Nationalspieler wird er im Laufe der Saison zum Kaffee ins Büro bitten, bevor er ihm erklärt, dass er in den kommenden Wochen nicht im Kader stehen wird. »Amine Harit brüll ich einfach auf dem Platz an, dass ich mehr erwarte. Dann rennt der schon los«, sagt Tedesco.

Menschenkenntnis und Didaktik sind ganz wichtig für Tedesco. Sein System soll den Akteuren dienen, nicht umgekehrt. Und er will deshalb loben, auch wenn er kritisiert. Die Mannschaft spielt nicht zu oft Foul, sie ist »zu hungrig nach Bällen«. Lösungen erarbeitet das gesamte Team. »Wenn die Spieler beteiligt sind, glauben sie an den Plan«, sagt er. In Aue waren die Außenverteidiger von einem Positionstausch nicht überzeugt. »Gut«, meinte Tedesco, »dann machen wir es eben anders.«

Benedikt Höwedes - zwei Sichtweisen

Aber da ist die Sache mit Benedikt Höwedes. »Zu wenig kennengelernt«, sagt Tedesco, was aber den Konflikt mit dem Nationalspieler nur ungenügend beschreibt. Frühzeitig hat er dem Abwehrchef die Kapitänsbinde weggenommen, ihn aber immer wieder aufgefordert, dranzubleiben. Seine Chance werde kommen, bitte etwas Geduld. Was ein Trainer eben so sagt, wenn er einen Reservisten motivieren will. Höwedes versichert ihm im Gegenzug, dass er nicht wechseln wolle.

Und doch hat sich schnell einer jener Konflikte entwickelt, die typisch sind für Übergangszeiten. Alte und neue Machtstrukturen prallen aufeinander wie Kontinentalplatten, es entstehen Risse und Verwerfungen. Tedesco demonstriert seine Entschlusskraft und seinen Machtwillen, notfalls auch gegen die Medien und die öffentliche Meinung. Höwedes spürt das. Vor dem ersten Saisonspiel gegen Leipzig nimmt ihn der Trainer vor den Augen aller Zuschauer demonstrativ in den Arm. Doch der Schulterschluss gerät arg symbolisch, und der Nationalspieler schaut ihm nicht in die Augen, sondern hoch zu den Fans in der Nordkurve. Gegen Leipzig und Hannover sitzt Höwedes über die volle Spielzeit auf der Bank.