Ein Jahr mit Schalkes Trainer Domenico Tedesco

Was hat Domenico Tedesco auf Schalke vor?

Jetzt steht Domenico Tedesco zum ersten Mal auf der großen Bühne. Alle Scheinwerfer zeigen auf ihn, er muss sich ein Lächeln verkneifen. »Glück auf«, hatte er auch schon in Aue gesagt, wenn die Pressekonferenzen begannen. »Ich habe mitbekommen, wie sich die Leute in Aue begrüßen, als ich durch die Gänge lief. Da habe ich es aufgegriffen«, erklärt der Trainer. Tedesco kann durch eine ungewohnte Situation gleiten, als hätte er sie im Vorfeld schon tausendfach durchexerziert. Das beruht auf schneller Auffassungsgabe, läuft aber bisweilen Gefahr, beflissen zu wirken. Auch auf Schalke: »Glück auf!« Identifiziert sich ein Mensch, dessen Eltern aus Italien stammen, der in Aichwald bei Stuttgart aufgewachsen ist und in Sinsheim gearbeitet hat, innerhalb weniger Wochen mit einer Region? Oder ist das nur die Fassade eines gelernten Ingenieurs, die den Zweck erfüllen soll, Nebengeräusche zu minimieren?

Von der Nationalelf bis zur Regionalliga

Schalke kann auf jeden Fall sehr anstrengend sein. In seinen ersten Wochen in Gelsenkirchen kehrt Tedesco in die Beobachterrolle zurück. Wenige Tage vor dem Trainingsstart sieht er müde aus, die Augen sind etwas angeschwollen, auch das frische hellblaue Hemd ändert nichts am Eindruck. Er, der so viel Wert auf eine akkurat vorbereitete Videoanalyse legt, hat sich Terabytes an Daten der vergangenen Saison in sein Hotelzimmer bringen lassen und arbeitet nachts durch. »In den Videos liegt immer nur eine halbe Wahrheit. Die andere Seite ist: Wie tickt eigentlich der Junge? Was sind seine Stärken? Wann hat er Angst?«, sagt Tedesco. Er sitzt am Tisch eines Edelitalieners in Gelsenkirchen-Buer. Das Personal hat ihn nach wenigen Augenblicken ins Herz geschlossen, er bestellt in fließendem Italienisch. In der Ecke läuft ein Fernseher, die U21-Nationalmannschaft spielt im EM-Halbfinale gegen England. Thilo Kehrer und Max Meyer stehen in der Startelf.

Was hat er eigentlich mit Schalke vor? Dazu muss Tedesco ein bisschen ausholen. Er unterteilt das Fußballspiel in vier Phasen: Eigener Ballbesitz, Umschaltspiel, Ballbesitz des Gegners und wieder das Umschaltspiel – ein Kreislauf. »Wer die Umschaltmomente einer Partie kontrolliert, beherrscht das Spiel«, sagt er. In der Theorie müsse Schalke immer darauf abzielen, den Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen. Kein Moment bietet dazu bessere Gelegenheit als dieser kurze Augenblick zwischen Unordnung und der Suche nach Ordnung – das Umschaltspiel. In der Praxis sucht Tedesco nach Spielern, mit denen er diese Technokratie umsetzen kann. Auf seinem neuen Diensthandy mit schwarzer Hülle und Schalker Wappen zeigt er eine App, die ihm potentielle Verstärkungen anzeigt. Tedesco liebt diese Möglichkeiten, er kann bis zur Regionalliga aussichtsreiches Personal aufzählen. Direkt neben der App: ein Managerspiel, das er mit seinen alten Freunden zockt. »Muss sein«, lacht er. Da ist er für einen kurzen Moment nicht der kontrollierte Profi.

Stolz auf »seine« Jungs

Auf dem Fernseher des Restaurants schießt der eingewechselte Felix Platte den Ausgleich. »Einer von meinen«, sagt Tedesco mit Stolz. Er erzählt von der Jahreshauptversammlung und den erwartungsfreudigen Fans, die ihm in den Pausen auf die Schulter geklopft hätten. »Du packst das«, haben sie gesagt. »Dann pack ich das auch«, sagt er. Und wenn er verspricht, dass er mit dem vorhandenen Kader arbeiten will, meint er das ernst: »Hier sind Jungs, die performen können.« Der viel gescholtene Franco Di Santo ist ihm aufgefallen: »Das ist eine Maschine. Wenn ich einen Stürmer scouten würde, dann suche ich nach Größe, Schnelligkeit, Torgefahr. Und das findet sich alles in Di Santo wieder.« In der Hinrunde wird der Argentinier in 15 von 17 Bundesligaspielen eingesetzt werden.

In Tychy gewinnt die U21 gegen England, natürlich im Elfmeterschießen. Tedesco schaut immer wieder interessiert hoch, nebenher macht er ein Erinnerungsfoto mit dem Restaurantbesitzer, später geht es zurück ins Hotel. Für die kommenden Tage will er sich noch vorbereiten. Zum Einzelgespräch traf er sich schon mit Yevhen Konoplyanka, der aus dem Urlaub gegen Vorgänger Weinzierl nachgetreten hatte. »So was sagt man nicht, aber wir haben da superschnell einen Konsens gefunden«, wiegelt Tedesco auf dem Parkplatz ab, man kann seinen Schutzschild jetzt fast sehen. Dann braust er im fabrikneuen Dienstwagen davon.

Am Anfang

Tedesco lernt Schalke kennen und Schalke ihn. Die ersten Spiele verlaufen holprig. In der ersten DFB-Pokalrunde fahren die Gelsenkirchener nach Berlin zum Regionalligisten BFC Dynamo und scheitern beinahe. Die Dreierabwehrkette, wie in Aue das Herzstück des Tedesco-Systems, funktioniert noch nicht. Mehrfach spielt der Viertligist Diagonalbälle in den Rücken der aufgerückten Außenverteidiger, nur mit Glück gewinnt Schalke durch zwei späte Tore. Nach dem Spiel steht Tedesco mit sorgenvoller Miene vor der Kabine und stellt fest: »Wir sind am Anfang.«