Ein Jahr mit Schalkes Trainer Domenico Tedesco

»Wir kriegen immer auf die Fresse!«

An seinem zweiten Tag in Aue wartet Louis Samson vor dem Raum des Cheftrainers. Samson ist ein großgewachsenes, zweikampfstarkes Talent aus Berlin, es ist seine zweite Saison im Erzgebirge. Er hat schon verstanden, dass andere Typen im defensiven Mittelfeld gefragt sind, also wird ihm der neue Trainer wohl nur Kurzeinsätze in Aussicht stellen. Doch dann zeigt ihm Tedesco Szenen aus dem Spiel und dem Training. Er sagt: »Louis, deine Ballbehandlung ist für die Position nicht optimal. Auf der Sechs sehen wir dich nicht. Aber wärst du gern unser Abwehrchef?«

Samson wird zu einem Eckpfeiler des Auer Spiels mit Dreierabwehrkette. 3-4-3 ist Tedescos Grundsystem. Die Spieler sagen, er habe ihnen gezeigt, wie einfach Fußball ist. Tedesco sagt, er lege Wert auf Ordnung. »Ich muss wissen, in welcher Zone ich bin, ansonsten verliere ich den Zweikampf und spiele Foul«. Aus Foulspielen resultieren Freistöße. 17 von 40 Gegentoren hat sich Aue nach Standards gefangen. Aber anstatt das Standardverhalten zu verbessern, will Tedesco Fouls vermeiden. »Das verlorene Kopfballduell ist nur das Symptom. Die Ursache liegt woanders.« Das Spiel gegen den KSC gewinnt Aue mit 1:0.

Stress im Kopf

Ein paar Wochen später müssen die Erzgebirger nach Köpenick zum 1. FC Union. In der Gästekabine der Alten Försterei schwört Tedesco seine Mannschaft ein. Auf Sebastian Polter sollen sie achten, der schwimme (ein beliebter Ausdruck des neuen Trainers) zwischen den Linien von Mittelfeld und Abwehr. »Union erzeugt Stress im Kopf. Wir brauchen einen kühlen Kopf und ein warmes Herz«, sagt der Coach und ruft seinen Jungs zu: Keine Pingpong-Situationen! Kein vertikales Spiel! Auf geht’s!

Aue, angeführt vom neuen Abwehrchef Louis Samson, bleibt ruhig. Die Außenverteidiger haben ein Mittel gefunden, das sie vom Stress des Gegners befreit. Kein Pingpong, klare Bälle. An der Seitenlinie stehen zwei Trainer. Der eine, Tedesco, dirigiert pausenlos, klatscht im Stakkato in die Hände, korrigiert Formationen. Der andere, Jens Keller, hat die Hände in den Hosentaschen vergraben. Am Ende gewinnt der Abstiegskandidat, der längst nicht mehr Letzter ist. Keller verzieht enttäuscht das Gesicht. Da gibt es für Helge Leonhardt kein Halten mehr. »Ich bin zum Trainer hin, habe ihn umarmt und am Kopf gepackt. Wir haben uns in die Augen geguckt und wussten: Wir steigen nicht ab!« Auch die Lokalreporter sind euphorisch. Ein Journalist läuft auf Tedesco zu und umarmt ihn. »Wir buchen jetzt unseren Sommerurlaub«, ruft ihm der Reporter zur Verabschiedung hinterher. Gemeint ist das Trainingslager. In Aue herrscht plötzlich Zuversicht. Auch beim Präsidenten. Er hat in Tedesco seinen Goldjungen gefunden. »Fast schon eine Vater-Sohn-Beziehung«, findet Leonhardt.

Tief im Schlamm

Es ist Mai geworden, der vorletzte Spieltag steht an und Tedesco will endlich nichts mehr mit dem Abstieg zu tun haben. Dafür steht er schon mal mitten im Schlamm, denn das Auer Stadion wird gerade umgebaut. Aue spielt gegen den direkten Konkurrenten Kaiserslautern. Die Mannschaften müssen über einen provisorischen Sandweg laufen. Überall Pfützen auf dem unebenen Gelände, am Rand haben Bauarbeiter ihre Maschinen abgestellt. Tedescos Sneaker färben sich an den Rändern hellbraun vom Schlamm; der lilafarbene Pullover und das Hemd haben sich mit Regenwasser vollgesogen; die kurzen, dünnen, ansonsten säuberlich zurechtgemachten Haare kleben aneinander. Der Trainer ist bereit für den Kampf. »Wenn du dich gut vorbereitet hast, hast du alles getan, was möglich ist«, sagt er.

Die Vorbereitung auf Kaiserslautern hängt in Tedescos kleiner Trainerkabine im Vereinsheim. Ein DIN-A1-Papier, das er sorgfältig beschriftet hat. Darauf notiert sind drei verschiedene Wege, den Gegner an diesem Nachmittag zu schlagen. Variationen eines Spielsystems, die der Trainer als Nummern am Seitenrand anzeigt. 1, 2 oder 3. Seine Spieler müssen höllisch aufpassen, häufig hält der Coach nur den Daumen hoch, um ein stummes Lob auszusprechen. Am Ende steht es 1:0 für Aue, aber anstatt mit den Anhängern den Klassenerhalt zu feiern, muss das Erzgebirge warten. Denn zeitgleich hat auch Arminia Bielefeld Eintracht Braunschweig mit 6:0 aus dem Stadion geschossen.

»Immer auf die Fresse!«

Das nagt an Tedesco. Aber er will es sich nicht anmerken lassen. Auf dem Weg durch die Katakomben suchen viele Fans und Journalisten das Gespräch mit ihm. Tedesco bleibt immer wieder stehen, unterhält sich mit jedem Anhänger, jedem Reporter. »Das gehört sich so«, sagt er im Gang des Vereinsheims, der mit Waschbetonplatten gefliest ist. Dann bittet er in den nächsten Raum, die Tür schlägt zu und Tedesco darf endlich schlechte Laune zeigen. »Immer auf die Fresse. Wir kriegen immer auf die Fresse!« Jetzt bricht es aus ihm heraus. Domenico Tedesco hadert. Seit er den Klub trainiert, hat der ehemals Tabellenletzte sechs Siege aus zehn Spielen geholt. Trotzdem kann die Elf am letzten Spieltag noch absteigen. Fußball ist manchmal ungerecht.