Ein Jahr mit Schalkes Trainer Domenico Tedesco

Wie alles in Bielefeld begann

Neun Monate zuvor, im März 2017, sitzt Domenico Tedesco auf der Haupttribüne der Bielefelder Alm. In der Fußballszene ist der Trainer der A-Jugend der TSG Hoffenheim bis dahin nur Spezialisten ein Begriff. Zuvor hat er beim VfB Stuttgart die ganz jungen Spieler trainiert. Dass er nun den Lehrgang zum DFB-Fußballlehrer als Jahrgangsbester mit der Note 1,0 abgeschlossen hat, war den Zeitungen allenfalls eine Randnotiz wert. Niemand ahnt, dass der junge Mann auf dem blauen Schalensitz schon bald einen der größten deutschen Klubs trainieren wird.

Intakte Truppe

Tedesco ist ins Ostwestfälische gefahren, um die Mannschaft zu beobachten, die er demnächst betreuen will. Der Zweitligist Erzgebirge Aue ist akut abstiegsgefährdet und sucht händeringend einen Trainer, der dem Team eine wettbewerbsfähige Struktur gibt. Auf der Alm holt Aue immerhin einen Punkt. »Die Truppe ist intakt«, sagt Tedesco optimistisch, weil sie einen 0:2-Rückstand aufgeholt hat. Morgen wird er sich bei der Vereinsführung vorstellen und über den Fußball sprechen, den er spielen lassen will. Er wird einzelne Szenen vom Wochenende herausgreifen, Probleme skizzieren, Lösungen präsentieren.

Was will er in Aue? »Bei mir war es so ein Bauchgefühl«, sagt Tedesco. Aues Präsident Helge Leonhardt schmunzelt heute, wenn er das hört. Bei ihm hat das gleiche Organ das Urteil gefällt. »Domenico hat bei mir um den Posten gekämpft. Wir haben nie über Geld gesprochen. Der wollte unbedingt in die brutale Männerwelt eintreten«, sagt er. Leonhardt war zunächst skeptisch. Hat der junge Mann die Nerven für den Abstiegskampf? »Aber er hat mich überzeugt. Der wusste ganz genau, wo unsere Probleme lagen. Da habe ich ihn zu meinem Offizier gemacht.«

Nach Aue zu gehen, ist für Tedesco nicht ohne Risiko. Denn junge Trainer im Profifußball werden gnadenlos taxiert. Haben sie bei der ersten Station keinen Erfolg, bekommen sie oft kein zweites Angebot. Gesagt hat das Stefan Effenberg, als er noch wie Tedesco in der Sportschule Hennef seinen Trainerschein machte. Der erste Schuss muss sitzen, sagte er, und lieferte den Beweis gleich mit. Nach einem erfolglosen Engagement beim SC Paderborn wartet Effenberg seit 2016 auf seine zweite Chance.

Nur drei Tage

Als neuem Trainer bleiben Tedesco vor dem Ligaspiel gegen den Karlsruher SC nur drei Tage, um seine Mannschaft kennenzulernen und ihr die wichtigsten Leitsätze mit auf den Weg zu geben. Er spricht frei vor der Mannschaft, seine Sätze sind knapp und präzise. Er weist jeder Position ein Kompetenzprofil zu. Inhalte müssen kurzfristig umgesetzt werden. »Ich will mit jedem Spieler ein Gespräch über mindestens 15 Minuten führen«, hat sich Tedesco in der ersten Woche vorgenommen, und er will dabei nicht nur reden. Als Ingenieur hat er früher für einen Dienstleister von Mercedes Benz gearbeitet. Seine Abteilung beschäftigte sich mit dem Fahrkomfort. Vibrationen und Geräusche im Auto in Teamarbeit zu verringern, ohne das Gewicht oder den Verbrauch des Fahrzeugs erheblich zu verändern. In diesem Job hat Domenico Tedesco gelernt, genau hinzuhören.