Ein Hoch auf das Pöbeln

Oliver Kahn badete in Abneigung

Ausnahmen bestätigen auch hier natürlich die Regel. In Kaiserslautern beschimpften Pensionäre die auswärtigen Spieler früher nicht nur, wenn die zur Ausführung von Eckbällen antraten, sondern stocherten auch mit ihren Spazierstöcken durch den Zaun hindurch nach den Akteuren. Alten Kämpen wie Hermann Gerland werden beim Gedanken an solch herzliche Anteilnahme noch heute die Augen feucht. Persönlich erlebte ich einmal den Kontrollverlust eines Anhängers im Stadion des VfR Sölde. Optisch ein Wiedergänger des Schlagzeugers der Flippers, hatte sich der Fan den Linienrichter, einen dürren Mittzwanziger mit Bürstenschnitt, als Objekt seiner Tiraden ausgesucht. Geschlagene 70 Minuten lang beschimpfte er ihn ausdauernd als »Nuttenpreller«. Nun sah der Linienrichter weder danach aus, als habe er schon mal der käuflichen Liebe gefrönt, noch als sei er anschließend den vereinbarten Lohn schuldig geblieben. Nur konsequent, fühlte er sich also nicht angesprochen und reagierte nicht auf die Prellerschleife. was den Shouter schließlich derart in Rage brachte, dass er über die hüfthohe Balustrade sprang, sich von hinten an den Unparteiischen heranschlich, ihm die Fahne mopste und unter Gejohle der Umstehenden wieder zurück in den Block rannte.

Aber noch einmal: Absolute Ausnahmen waren das. Es gab in den vergangenen Dekaden übrigens stets Spieler, welche die Attacken von den Rängen richtig einzuordnen wussten, als höchste Form der Anerkennung nämlich. »Wenn keiner ›Kirsten, du Arschloch!‹ ruft, dann weiß ich, dass ich schlecht bin«, schloss Ulf Kirsten messerscharf. Ein Oliver Kahn badete geradezu in der Abneigung, die ihm aus den Kurven entgegen schlug. Und der alte Grätscher Michael Schulz war stets kurz davor, seinen Rufnamen »Schulz-Dusau« auch im Personalausweis eintragen zu lassen.

Im Alter von etwa 55 Jahren beginnt die Metamorphose des Stadionpöblers

Man wünscht den Vereinen die Weitsicht, den Pöblern im Stadion ein Überleben als eigenständige Spezies zu ermöglichen. Ihr natürlicher Lebensraum wird derzeit leider immer weiter eingeschränkt. Früher war es etwa möglich, sich auf den Tribünen frei zu bewegen. Hatten sich die Krakeeler in der ersten Halbzeit darauf konzentriert, den gegnerischen Torwart mit Schimpfkanonaden zu zermürben, konnten sie ihr Werk in der zweiten Hälfte problemlos hinter dem anderen Tor fortsetzen. Heute undenkbar, stattdessen kommen grimmige Ordner schon mit der Reitpeitsche angelaufen, wenn auch nur ein Viertelfuß in den Treppenaufgang hineinragt. Problematischer noch ist die weit fortgeschrittene Ächtung deftiger Ausdrücke. Ein Klassiker wie »Tod und Hass dem BVB«, vorgetragen mit geballter Faust und kalter Kippe im Mundwinkel, führt heute schon dazu, dass nebenan im Familienblock Väter ihrem Nachwuchs schnell die Ohren zuhalten. Wenn sich dieser Trend verstetigt, wird womöglich bald auch der Stadionpöbler nur noch in seiner hässlichsten Form überleben, als krankhaft ehrgeiziger Vater am Spielfeldrand von F-Jugendspielen.

Im Profifußball gibt es übrigens eine klare Altersgrenze. Im Alter von etwa 55 Jahren beginnt die Metamorphose des Stadionpöblers zum Meckerrentner. In die Leidenschaft, mit der die Verwünschungen und Ehrabschneidungen vorgetragen werden, mischt sich dann ein deutlicher Zug von Verbitterung. Während der Stadionpöbler immer von der vagen Hoffnung angetrieben wird, dass doch noch einmal ein Spieler oder Schiedsrichter auf seine Tiraden reagiert, weiß der Meckerrentner, dass das niemals passieren wird. Schimpfen tut aber auch er. Er kann nicht anders. Schließlich weiß er aus Erfahrung: Alles Schweine und Nuttenpreller! Typisch Ossis.