Ein Abgesang auf den Heimvorteil

Bedroht wie die SPD

Nicht nur das vergangene Bundesliga-Wochenende zeigt: Der Heimvorteil ist ein untergehendes Kulturphänomen. Welche dramatischen Folgen das hat und wie sich die Mentaltitätsmonster Mario Götze und Marco Reus dem mutig entgegenstellen.

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Wer hat eigentlich gesagt, dass Borussia Dortmund ein Mentalitätsproblem hat? Hat doch allein dieser Verein – insbesondere seine Stürmer Götze und Reus – am letzten Wochenende verhindert, dass die Bundesliga einen historischen Durchmarsch der Auswärtsteams erlebt. Beide trafen ins Tor, wodurch die Dortmunder dem SV Werder mit Ach und Krach ein 2:2 abtrotzten.

Vorbei war es mit dem schönen Gäste-Sweep, doch auch so hat die deutsche Eliteklasse einen Spieltag wie den letzten noch nie erlebt: acht Auswärtssiegen steht ein mickriges Remis gegenüber, was im Übrigen auch keine vorübergehende statistische Schrulle ist, sondern ein Trend der aktuellen Saison. Die Bilanz nach sechs Spieltagen: 20 Heimsiege, 11 Unentschieden und 23 Auswärtssiege. So dass man sich allmählich fragen muss: Was wurde eigentlich aus dem guten alten Heimvorteil?

Angst essen Seele auf

Früher war ein durchschnittlicher Bundesligist glücklich und zufrieden, wenn ihm drei oder vier Auswärtssiege in der Saison gelangen, und selbst die Spieler des großen FC Bayern bekamen vor Angst nervösen Stuhlgang, wenn sie zum Beispiel auf den Lauterer Betzenberg mussten. Weil sie wussten, dort gibt’s auf die Knochen, und beim Einwurf stochern die Rentner durch den Zaun mit ihren Spazierstöcken nach dir. Ob das alles dann tatsächlich immer so kam, war im Grunde irrelevant, allein die Projektion war genug, denn bereits Rainer Werner Fassbinder wusste: Angst essen Seele auf.

Und heute? Die Stadien sind eher komfortabel als angsteinflößend, die Rentner von einst betrachten schon lange die Radieschen von unten und der allgegenwärtige Ultragesang ist eher dazu geeignet, das eigene Team einzuschläfern als den Gegner das Fürchten zu lehren. Hinzu kommt, dass die meisten Mannschaften lieber abwarten und umschalten, als selbst das Spiel zu machen, was in fremden Stadien tatsächlich leichter umsetzbar ist, weil im eigenen das Publikum beizeiten zu murren beginnt.

Einmal entzaubert, ist der Turnaround nur schwer zu schaffen

Schlechte Zeiten also für den Heimvorteil, den man getrost auf die Liste bedrohter Fußballkulturphänomene setzen kann, denn mit ihm ist es wie mit der SPD: einmal entzaubert, ist der Turnaround nur noch schwer zu schaffen. Dabei machen sich die Menschen gar nicht bewusst, wie viel ärmer das Leben in Deutschland sein wird, ohne die Sozialdemokratie ebenso wie ohne den Heimvorteil.

Okay, die Parteipolitik lassen wir jetzt mal außen vor, doch man stelle sich bitte vor, welche Folgen die Umkehrung der traditionellen statistischen Statik hätte, wonach Heimsiege die Regel und Auswärtssiege die Ausnahme sind. Wer ginge denn noch ins Stadion, wenn er wüsste, dass das heimische Team in zwei von drei Fällen auf die Mütze bekommt? Wer würde sich gar eine Dauerkarte kaufen, es sei denn, er oder sie wären von masochistischem Gemüt? Die Gefahren, die sich daraus für den deutschen Fußball ergeben, sind nicht hoch genug einzuschätzen. 

Was jetzt noch hilft, ist allenfalls eine Renaissance des guten alten Heimschiedsrichters, am besten mit Unterstützung einer noch zu entwickelnden, streng gästefeindlichen Videotechnik. Und natürlich braucht es mutige Männer wie Mario Götze und Marco Reus, die sich dem Trend entgegenstellen. Echte Mentalitätsmonster eben.