Ein Abend mit Dick Advocaat

Der kleine Admiral

»Der kleine General« werde Dick Advocaat in Anspielung auf seinen Mentor Rinus Michels genannt, wollten uns die Nachschlagewerke vor dem Uefa-Cup-Finale weismachen. Papperlapapp, dachte sich der, und präsentierte sich viel edler. Ein Abend mit Dick AdvocaatImago Nicht dass wir Kriegsdienstverweigerer von der Materie irgendwelche Ahnung hätten, aber bei einem nachtblauen Jackett mit goldenen Manschettenknöpfen denken wir nicht an Generäle, sondern eher an einen Admiral zur See, mindestens. Zumindest dann, wenn wir nicht an neureiche Ölmagnaten denken, was an dieser Stelle aber zu weit führen würde.

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Dick Advocaat jedenfalls hatte sich vorbereitet auf dieses Spiel, in dem er seinen ersten internationalen Titel erringen konnte. Dass er sich dabei nicht auf seine Garderobe beschränkt hatte, zeigte sich von Beginn an. Erneut war St. Petersburg, wie schon in den meisten Begegnungen der Runden zuvor, das spielbestimmende Team gegen die äußerst defensiven Rangers-Akteure.

Naturgemäß sind die Eingriffsmöglichkeiten eines Trainers im weiteren Verlauf eines Spiels beschränkt, erlauben die Regularien eben nur drei Wechsel pro Partie. Dass Advocaat aber nicht einmal diese Möglichkeiten wahrnahm, hatte Sat.1-Mann Erich Laaser schnell erkannt.

»Advocaat ist ein Wechselmuffel«, analysierte der Kommentator, und auch Experte Mirko Slomka konnte nach der Partie bestätigen: »Er scheint mir ein Wechselmuffel zu sein«. Lediglich einen Spielertausch hatte der Trainer in der Nachspielzeit vorgenommen, und es kam der klitzekleine Verdacht auf, dass er sich dabei für den Spieler entschied, der sich von der Wechselzone am weitesten entfernt befunden hatte.

Nur nebenbei sei darauf hingewiesen, dass wir alle vielleicht Wechselmuffel geworden wären, wenn uns einmal ein Tausch unterlaufen wäre, wie ihn Dick Advocaat als Trainer der holländischen Nationalmannschaft im Hammerspiel der EM 2004 gegen Tschechien vollbracht hatte. Damals hatte er nach einer Stunde bei einer knappen 2:1 Führung in Arjen Robben den besten Spieler seiner Mannschaft vom Platz genommen und das Spiel noch mit 2:3 verloren, woraufhin sämtliche Generäle, Kapitäne und Johann Cruyffs des holländischen Fußballs über ihn hergefallen waren.

An diesem Abend konnte ihm das egal sein, den Rangers fiel gegen seine agile Elf nichts ein, und so konnte der auf nationaler Ebene überaus erfolgreiche Coach im Kreise seiner Mannschaft endlich einen Europapokal stemmen. Dass die Ehrung auf Geheiß des Uefa-Präsidenten Platini erstmals wieder auf der Tribüne, »inmitten der Fans«, die verdächtig nach Funktionären aussahen, stattfand, wird ihm ebenso einerlei gewesen sein. Schließlich ist er jetzt ein kleiner Admiral.


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