Duisburgs Lizenzkampf

Der MSV plötzlich sexy wie nie

Dienstag, 4. Juni

Vier Tage befinden sich die Fans des MSV Duisburg im Schwebezustand zwischen Trauer und Wut. Was den Anhängern hilft: Seit dem Lizenzentzug schlägt dem MSV bundesweit Solidarität entgegen. In sozialen Netzwerken formiert sich die Faninitiative »Streifen zeigen«, die erste Aktionen plant und über das Internet bewirbt. Als sich am 4. Juni um kurz vor 19 Uhr die Fans vor dem Duisburger Hauptbahnhof zu einem Marsch zum Stadion versammeln, rechnet die Polizei mit maximal 1000 Teilnehmern, 600 wurden offiziell angemeldet.

Bundesweite Solidarität

Um 19.02 Uhr setzt sich der Tross in Bewegung, vorneweg marschieren Fans, die ein Banner vor sich hertragen. »Ewig treu« steht dort geschrieben, und was während des Fanmarschs plötzlich klar wird: Es sind mehr als 1000 Leute. Viel mehr. Schon auf halber Strecke gibt die Polizei die Zahl von 6000 Teilnehmern durch.

Bevor die Menge auf die Straße zum Stadion einbiegt, bleibt die vorderste Reihe stehen und wartet auf die Nachrückenden. Erst als alle wieder zusammen sind, geht es weiter, und es wirkt wie eine Wiedergeburt des MSV, als kurz vor dem Ziel in einer Unterführung der Gesang »Meidericher SV« erschallt. 6000 Menschen beweisen, dass der Verein noch lange nicht tot ist.

Dienstag, 11. Juni

Nachdem der MSV die offizielle Begründung der DFLerhalten hat, ist den meisten Funktionären klar, dass es vor dem Schiedsgericht eng wird. Nach außen hin gibt man sich optimistisch, doch die Planungen für die Dritte Liga werden parallel forciert. Es soll ein Signal an die Sponsoren gehen. Am 11. Juni beschließt der Vereinsvorstand die Abberufung von Roland Kentsch. Zwei Tage später wird die Entscheidung veröffentlicht.

Kentsch? »Ein hohes Maß an Selbstüberschätzung«

Die Frage bleibt, wie Kentsch einen Lizenzantrag bei der DFL einreichen konnte, der in vielen Punkten wohl eklatant gegen die DFL-Satzungen verstieß. Die Regeln mögen Außenstehenden nicht viel sagen.

Kentsch allerdings müsste sie gekannt haben, als er die Unterlagen einreichte. Er ist Mitglied des DFL-Aufsichtsrates und stellvertretender Vorsitzender der Bundesliga- Stiftung, die von der DFLgegründet wurde. Warum also diese Form? Ein Funktionär sagt: »Da spielt ein hohes Maß an Selbstüberschätzung eine Rolle.« Roland Kentsch ließ mehrfache Nachfragen von 11 FREUNDE unbeantwortet.

Dienstag, 18. Juni

Über drei Wochen haben die Fans mittlerweile Aktionen auf die Beine gestellt. Rund um das Stadion entwickelt sich eine Camp- Atmosphäre mit Mahnwachen rund um die Uhr, Lesungen und Konzerten. Eine Menschenkette zieht sich vom Rathaus bis zum Stadion. Zu Besuch kommen in dieser Zeit etliche MSV-Legenden. Günter Preuß, der Kapitän der Vizemeister-Mannschaft von 1964, erscheint beinahe täglich. Michael Tönnies, Schütze des schnellsten Hattricks der Bundesligageschichte, hat seinen ersten öffentlichen Auftritt nach einer Lungentransplantation. Innerhalb Duisburgs ist der MSV das beherrschende Thema, und worauf lange hingearbeitet wurde, was aber niemals klappen sollte, vollzieht sich nun in der schwärzesten Stunde von ganz alleine:
Fans, Stadt und Verein wachsen zusammen.

Als sich am 18. Juni knapp 2000 Fans vor der Arena versammeln und ein Lichtermeer von Kerzen entzünden, nimmt Michael Koch, Mitorganisator des Aktionsbündnisses »Streifen zeigen« das Mikro und sagt: »Der MSV war noch nie so sexy wie heute.«