Droylsden gegen Chesterfield FC

Das längste Spiel der Welt

Erst war es das defekte Flutlicht, dann der Nebel. Vier Spiele brauchten die englischen Fußballteams Droylsden und Chesterfield FC im FA-Cup, um einen Sieger zu ermitteln. Am Ende entschied eine Formalie. Droylsden gegen Chesterfield FCImago Es wird als eines der kuriosesten Duelle in die Geschichte des englischen Fußball-Cups eingehen, aber für den Sechstligisten Droylsden FC aus dem Raum Manchester ist das freilich nur ein schwacher Trost. The Bloods ist der Spitzname der Vereins, verbissen bis brutal die Spielweise und umso größer der Jubel, wenn es trotzdem zum Sieg über einen ganz Großen reicht.

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Am Montag war es so weit: Mit 2:1 schlug Droylsden den Viertligisten Chesterfield FC und zog damit in die dritte Runde ein. Das dachten zumindest alle, und es wäre aus Sicht der Bloods ein märchenhaftes Ende einer ziemlich langen Geschichte gewesen, denn die Mannschaften mussten vier Mal gegeneinander antreten, bis ein Sieger gefunden war.

Es war eine Geschichte voller unglücklicher Zufälle. Mit Droylsden in der Rolle des Underdogs, der sich einem übermächtigen Gegner immer wieder stellt, ihn am Rande der Niederlage hat, ihn schließlich besiegt - und wegen eines bürokratischen Missgeschicks am Ende doch ohne zählbaren Erfolg da steht.

Nicht ganz so drollig wie Vestenbergsgreuth

Wie in Deutschland der DFB-Pokal bietet der englische FA-Cup für solche Geschichten den richtigen Rahmen. Amateure treffen auf Profis, Arbeiter auf Millionäre, und während für die einen die Heldenrolle reserviert ist, können sich die anderen nur blamieren. In England sogar besonders leicht, denn im FA-Cup gibt es kein Elfmeterschießen. Wenn es nach 90 Minuten unentschieden steht, wird die Partie wiederholt. Der Underdog hat dadurch die Chance, den Favoriten zu ärgern, indem er dessen ohnehin schon übervollen Terminkalender weiter strapaziert. Legendenbildung leicht gemacht: Wer würde nicht gerne sehen, wie Bayern München nach einem mageren 1:1 zum zweiten Mal gegen die TSV Vestenbergsgreuth antreten muss, obwohl am Tag darauf ein Champions-League-Spiel gegen Real Madrid ansteht?

Droylsden klingt nicht ganz so drollig wie Vestenbergsgreuth, der Verein ist aber für die Rolle des Underdogs mindestens genauso prädestiniert: Er wurde im Hinterhof einer Kneipe gegründet und belegt aktuell den elften von 22 Rängen in der sechsten Liga. Kein Schreckgespenst für einen Viertligisten vom Schlage Chesterfields - doch im Pokal gelten bekanntlich andere Regeln. In diesem Fall sogar ganz andere Regeln.

Der Underdog ging durch ein Tor von Matthew Tipton mit 1:0 in Führung und schrieb eifrig an seinem Pokalmärchen, als dichter Nebel aufzog und ein Weiterspielen unmöglich machte. Im zweiten Anlauf blieb das Wetter stabil, diesmal sorgten die Spieler selbst für Unklarheiten: Droylsden beförderte den Ball ins Aus, um die Behandlung eines verletzten Spielers zu ermöglichen. Chesterfield nutzte die Gelegenheit und traf zum 2:1 durch Jack Lester. Die Bloods protestierten ob dieser Ungerechtigkeit lautstark und appellierten an den Sportsgeist ihrer Kontrahenten - mit Erfolg: Steve Holford durfte ungehindert zum 2:2-Ausgleich einschießen.

Weil es dabei blieb, wurde ein drittes Spiel notwendig, dass in Droylsden ausgetragen wurde. Chesterfield gab sich keine Blöße und führte zwanzig Minuten vor Abpfiff mit 2:0. Dem Sechstligisten half diesmal die Stadiontechnik aus der Patsche - frei nach dem Motto »Licht aus, wenn du am Boden bist« versagte plötzlich die Flutlichtanlage, Droylsden war davongekommen und durfte sich auf eine vierte Partie vorbereiten.

Es sollte der große Tag von Sean Newton werden: Der Verteidiger des Underdogs erzielte zwei Tore, Chesterfield nur eines - »the long-running saga finally came to an end«, formulierte die Times halb amüsiert, halb erleichtert. Droylsden hatte es tatsächlich geschafft: 30.000 Pfund Preisgeld und ein Drittrundenspiel gegen den Zweitligisten Ipswich Town waren dem Klub sicher. Mit etwas Glück beim Wetter und etwas Pech bei der Flutlichtanlage hätten es sogar mehrere ertragreiche Spiele werden können.

Kein Platz für Märchen

Ein Fax des britischen Fußballverbands machte den Traum zunichte: Sean Newton habe in der sechsten Liga seine fünfte gelbe Karte kassiert, bei der vierten Auflage gegen Chesterfield hätte er nicht auflaufen dürfen. Droylsden werde der Sieg aberkannt und die 30.000 Pfund wieder abgezogen, Chesterfield nachträglich zum Sieger erklärt. Der Manager der Bloods war untröstlich: Seinetwegen solle der Verband den Klub mit Geldstrafen überhäufen, als wenn es kein Morgen gäbe. Sollte Droylsden jedoch aus dem FA-Cup ausgeschlossen werden, werde er sich von der nächstbesten Brücke stürzen, kündigte Dave Pace im Gespräch mit der BBC an.

Die Fans sahen es realistischer: Ipswich Town hätte Droylsden ohnehin den Hintern versohlt, schrieb User »Degsy« im Internetforum der Bloods. Und fügte an, im Fußball sei eben kein Platz für Märchen.