Drei Afrikaner auf der Suche nach einem Profiverein

»In Afrika hast du nichts«

Martin Mapisa wollte früher Pilot werden. Alle Kinder in Simbabwe möchten das, sagt er. »Immer wenn ein Flugzeug am Himmel auftauchte, liefen wir ein paar Meter hinterher und riefen und lachten.« Das erste Mal stiegen sie vergangenes Jahr in eine Maschine. Es ging nach Angola zu einem Turnier. »Da hatte ich plötzlich große Angst, denn es ruckelte die ganze Zeit.« Heute träumt Mapisa von einer Tankstelle. Wenn er Fußballprofi wird, möchte er drei oder vier eröffnen. Damit kann man in Harare gutes Geld verdienen.
 
Nicholas Guyo, Stürmer, 1,80 Meter, 71 Kilogramm, sehnt sich nach einem Haus in Los Angeles. »Kalifornien ist wunderschön«, sagt er. Ob er schon mal dort war, möchte man wissen. »Nein, ich kenne es aber aus Filmen.« Am liebsten mag er amerikanische Actionstreifen.
 
Dann ist da noch Abubakar Moffat, der Defensivspieler, ein wenig kräftiger als die anderen beiden. Seine Mutter ist vor vielen Jahren nach England gegangen, der Vater lebt in Südafrika. Moffat wuchs in Harare bei seiner Großmutter aus. »Ich möchte ihr ein Haus kaufen, das wäre schön«, sagt er. Auf seinem Unterarm prangen drei Tattoos. Auf einem steht: »Only God can judge me.« Ein anderes zeigt eine Blume, das dritte eine Hundetatze. Ein Freund hat sie ihm gestochen.


Abubakar Moffat und Sören Stephan vor dem Bootshaus in Schwerin.
 
Sie alle drei sind gute Kicker. Sie wissen, wie man Rabonas und No-Look-Pässe schlägt. Sie sind schnell im Antritt und kreativ im Spielaufbau. Aber der Fußball entpuppt sich gerade in Europa als komplexes und oft undurchschaubares Labyrinth. Es kommt auf auf den Kopf an und vor allem auf die Kraft. Die Vereine suchen schon lange keine Dauerläufer mehr, sie suchen Maschinen, die Waden aus Stahl haben und Körper, als hätte sie jemand am Computer modelliert.

Und natürlich ist der Fußball auch wie ein riesiges Glücksrad. Eine ewige Konjunktiv-Erzählung. Denn was wäre gewesen, wenn in Hennef Peter Stöger an der Seitenlinie gestanden hätte? Oder wenigstens Uwe Koschinat, Trainer von Fortuna Köln? So haben doch viele Märchen angefangen, kleine und große. Das von Jay Jay Okocha etwa, der Anfang der Neunziger aus Nigeria zum Oberligisten Borussia Neunkirchen wechselte – bis eines Tages Frankfurts Trainer Dragoslav Stepanovic mal beim Spiel vorbeischaute. Oder das von Souleymane Sane, der einst in Donaueschingen als Soldat stationiert war und nebenbei in der Vierten Liga spielte. Als er in einem Spiel fünf Tore schoss, saß Achim Stocker, Präsident vom SC Freiburg, auf der Tribüne.

»Tue ich hier etwas Gutes?«
 
Also, wie geht’s nun weiter? Moffat, Guyo und Mapisa haben schon Angebote von den großen Klubs aus ihrer Heimat bekommen. Auch von den Dynamos, dem FC Bayern Simbabwes. Sie lehnten ab. Wäre denn Südafrika ein Option? Nein, sagt Guyo. Irgendwie muss es einen schnelleren Weg nach Europa geben. »Alles Neue kommt von dort. In Afrika hast du nicht mal Altes«, sagt er. »In Afrika hast du nichts.«
 
Auf geht’s zur Badestelle. Als die Drei ihre Füßen in den See strecken, sagt Sören Stephan: »Ich habe mich zwischendurch manchmal gefragt: Tue ich hier etwas Gutes? Oder mache ich ihnen zu viele Hoffnungen?« Er überlegt lange, steckt sich eine Zigarette an. Eigentlich ist er kein Phantast. Vor den Jungs fabuliert er jedenfalls nicht von der Champions League, Paul Pogba oder Real Madrid. Er sagt, dass er ihnen die Oberliga und vielleicht auch die Regionalliga zutraue. Sie müssten nur mehr unter den hiesigen Bedingungen trainieren, sich an die Plätze gewöhnen, die Sprache lernen. Und es müsste einen Verein geben, der den ganzen Aufwand als lohnenswert erachtet. Der die Sache mit der Aufenthaltsgenehmigung regelt. Der die nötigen Dokumente für den Verband einholt. Der sich um die Integration in der Mannschaft kümmert. Der die Flüge, die Unterkünfte und den Sprachunterricht organisiert. Einen Verein, der all das mitmacht. »Das wäre gut«, sagt Stephan.
 
Dann springen sie in den See. Martin Mapisa traut sich weit rein. Er taucht den Kopf unter. Nicholas Guyo schießt den Ball vom Ufer aufs Wasser. Und am Ende stehen sie Arm in Arm neben dem Schilf. Drei Jungs aus Harare am Drosselweg in Schwerin, 8167 Kilometer Luftlinie von ihrer Heimat entfernt. Und kein Schwan weit und breit.