Drei Afrikaner auf der Suche nach einem Profiverein

Wann holst du uns nach Deutschland?

In den Monaten danach bleiben die vier in Kontakt, und die jungen Simbabwer geben nicht auf. Über Facebook schreiben sie den Sportstudenten immer wieder an. Coach, wie sieht’s aus? Coach, wann holst du uns nach Deutschland? Und immer wieder muss der Student antworten, dass er nicht weiß, was er tun kann.
 
Irgendwann im April 2017 aber sieht Stephan ein Bild auf Facebook. Es zeigt seine drei Jungs in Malaga. Nach guten Leistungen hat ihnen die AYSA eine Reise zu einer kooperierenden Akademie in der spanischen Küstenstadt vermittelt. »Guck mal, Coach«, schreiben die Jungs wieder. »Gar nicht mehr so weit weg von Deutschland.« Der Coach guckt – und dann denkt er nach.

Kann ich wirklich nicht helfen?
 
Er hat mittlerweile ein wenig Erfahrung im professionellen Fußballbereich gesammelt. Nach Praktika bei Greuther Fürth und Bayer Leverkusen arbeitet er nun neben seinem Studium in der Scouting-Abteilung des Werksklubs. Als er eines Abends den Film »Beast of no nation« schaut, in dem ein Junge in einem afrikanischen Bürgerkriegsland zwischen die Fronten gerät, überkommt ihn die Gewissensfrage. Kann ich wirklich nicht helfen?
 
Stephan greift zum Telefon. Ein paar nützliche Kontakte hat er dank seiner Arbeit bei Bayer Leverkusen im Handy stehen. Die Reaktionen sind gemischt. Bei Fortuna Köln, Fortuna Düsseldorf, selbst bei seinem Arbeitgeber Bayer Leverkusen sagen sie direkt ab. Zu wenig Zeit, zu aufwendig. Andere Vereine sind offener: Alemannia Aachen, Hansa Rostock, der FC Hennef 05 und FC 08 Düren-Niederau sagen zu. Nun muss alles ganz schnell gehen. Immerhin das Visum ist noch gültig. Aber was ist mit dem Flug? Unterkünften? Und sowieso: Sollte er nicht eigentlich seine Masterarbeit schreiben?

Jetzt bloß keinen Fehlpass!
 
Egal. Stephan findet freie Zimmer über WG-Portale im Internet. Er fragt Freunde, ob die Drei bei ihnen unterkommen können. Er besorgt ein geräumiges Auto. Und dann, am 30. April, stehen die jungen Simbabwer am Flughafen Köln/Bonn. Hallo Coach. Die Reise kann losgehen.
 
Die ersten Tage verlaufen großartig. Die jungen Simbabwer spielen in Aachen vor, auf einem Platz im Schatten des Tivolis. Sie ziehen sich sogar in den Kabinen des Stadions um. Und dann ist da noch dieser Nachwuchs-Scout des 1. FC Köln an der Seitenlinie. Stephan hat ihn gebeten, sich die Simbabwer mal anzuschauen. Jetzt bloß keinen Fehlpass!
 
Es geht gut weiter. Hinein nach Deutschland, hinein in die Welt eines Mitte-20-Jährigen. Die drei Simbabwer lernen auf einer privaten WG-Feier andere Studenten kennen. Sie träumen, sie singen, sie zeigen ihren neuen Freunden, wie man tanzt. An einem trainingsfreien Samstag besuchen sie im Südstadion das Spiel zwischen Fortuna Köln und dem MSV Duisburg. 8000 Zuschauer, davon 6000 Auswärtsfans. Der Wahnsinn! Und es sieht sogar ein wenig nach Bundesliga aus, die Spieler tragen Frisuren wie Mario Götze oder Marco Reus, sie haben bunte Schuhe und coole Tattoos. Das 2:0 für Duisburg schießt der Nigerianer Kingsley Onuegbu. Am Tag darauf färben sie sich Strähnchen in die Haare. So wie sie es bei Paul Pogba gesehen haben.

Von Aachen nach Düren-Niederau
 
Die große Fußballbühne endet aber schon hinter der nächsten Ausfahrt. In Düren-Niederau. In Hennef. Kleine Klubs, kleine Stadien, eher Sportanlagen, 2000 oder 2500 Plätze. Hier glänzt gar nichts mehr. »Da waren sie schon ein bisschen enttäuscht«, sagt Stephan. »Das hat man ihnen angesehen.« Aber was soll er machen? Beim FC Bayern, bei Borussia Dortmund, selbst beim SC Freiburg würden sie nicht in Jubelstürme ausbrechen, wenn ihnen jemand von drei jungen simbabwischen Fußballern berichtete, die gerade durch Deutschland touren.
 
»Trotzdem glaube ich, dass sie dankbar sind«, sagt Stephan. »Auch wenn sie das nie so direkt sagen.« Und dann erzählt er, wie das so ist mit drei Jungs, die das erste Mal so weit weg von zu Hause sind. Ohne Eltern, ohne Freunde, mittendrin in einer neuen Welt und einer fremden Kultur. Drei Jungs, die anfangs schon irritiert waren, wenn Stephan sie bat, Gemüse für den Salat zu schneiden. Die neulich aber, fast am Ende der Reise, auch mal gesagt haben: »Sören, heute hast du frei. Heute machen wir das Essen.« Und dann schnibbelten sie die Tomaten, während sie auf einen Anruf aus Aachen oder Hennef warteten.
 
Alemannias U19-Trainer Herbert Meys erinnert sich an die Einheiten mit den Simbabwern. Er spricht von »guten und sympathischen Jungs«, athletisch und trickreich, aber mit Defiziten im Kraft-Bereich. »Außerdem hat man ihnen angemerkt, dass sie noch nie zuvor auf Kunstrasen gespielt haben. Die mussten erst verstehen, dass ein Ball gerade über ein Spielfeld rollt«, sagt Meys. Könnten sie es denn in der dritten oder vierten Liga schaffen? »Nach drei Trainingseinheiten ist das schwer zu beurteilen. Sie müssten noch ein Jahr in einer Jugendmannschaft spielen, um sich an die modernen Bedingungen zu gewöhnen.«

»Wir müssen noch härter trainieren«
 
Nun also Schwerin. Rostock. Hansa. Haben immerhin mal gegen die Bayern gewonnen. Und einmal, Landesmeister-Cup 1991, sogar gegen Barcelona. Einige Afrikaner haben es hier geschafft, Jonathan Akpoborie, Victor Agali oder Bachirou Salou.
 
Im Bootshaus von Stephans Vater wohnen die drei Jungs auf wenigen Quadratmetern, in der oberen Etage befinden sich zwei kleine Schlafräume, dazu ein Badezimmer. Unten ist die Küche, davor liegt das Boot. Ein guter Ort, um zur Ruhe zu kommen. Ein guter Ort, um auf die vergangenen zwei Monate zurückzublicken.
 
Hat sich mittlerweile ein Verein gemeldet? Aachen? Düren? »Nein«, sagt Martin Mapisa, 18 Jahre alt, Torwart, Idol Manuel Neuer. Was ist mit dem Scout des 1. FC Köln? »Auch nicht.« Was haben sie in Malaga gesagt? »Wir dürfen vielleicht im August noch einmal kommen.« Und was heißt das alles für euch? »Wir müssen noch härter trainieren.«