Dortmund und Schalke schließen Frieden

Peinliches Derby

Was waren das für Töne im Vorfeld des 130. Derbys! Die Borussen sollen die Blauen nach der verpatzten Meisterschaft gedemütigt haben. Sie sollen sich aufgeführt haben wie Islamisten. Die Stimmung wurde immer weiter aufgeheizt, alles gipfelte schließlich in einem seltsamen Friedensschluss und einem Derby, wie es peinlicher kaum sein konnte. www.schwatzgelb.de
Die Rollenverteilung vor dem Derby war klar: Auf der einen Seite die braven, tapferen Schalker, denen böse Mächte – allen voran die Borussen – nur aus Neid und Missgunst die Meisterschaft versaut haben. Und anschließend haben sich die bösen, bösen, bösen Dortmunder auch noch darüber gefreut, dass der äußerst redliche Herzenswunsch der Blauen – den BVB in die zweite Liga schießen und gleichzeitig Meister werden – nicht in Erfüllung ging. Nein, die Dortmunder spuckten den Mannen aus der Emscherzone mit Herzenslust und voller Genugtuung in die Suppe. Ein schier unglaublicher Vorgang, der die schlichten Gelsenkirchener Gemüter stark erhitzte und Rachegelüste wachsen ließ.

Es musste also ein großer Friedensschluss her, um die braven Gelsenkirchener vor den blutrünstigen Horden aus der Metropole zu schützen. Der „Westfälische Friede“ wurde neu aufgelegt, die Vertreter krochen brav zu Kreuze und übten sich in Demut.
Warum eigentlich? Was haben sich die Dortmunder vorzuwerfen? Was hat sich überhaupt irgendjemand vorzuwerfen? Natürlich gab es in nahezu jedem der vergangenen Derbys irgendwelche verbalen und nonverbalen Entgleisungen. Und sicherlich ist es nicht gerade deeskalierend, wenn im Westfalenstadion „Am Tag, als der FC Sch**** starb…“ oder über die Leinwand Witze über „Zecken“ gemacht werden. Ebenso sind fliegende Becher keine Freude für die Getroffenen.

Aber im Endeffekt bleibt doch stehen: Es ist ein Derby, da geht es hoch her und es kann auch mal heißer werden als bei „normalen“ Spielen. Andererseits sind wir auch Lichtjahre von den Zuständen der 80er Jahre entfernt und werden diese wohl auch nie wieder erreichen. Trotzdem dieses riesige Bohai um das diesjährige Derby. Von den Medien sind wir es nicht anders gewohnt, da wird vor dem Derby tüchtig angeheizt, Stimmung gemacht, um dann später live und in Farbe die „Bilder zu senden, die wir – liebe Zuschauer – lieber nicht senden würden.“ Darüber kann man ja inzwischen fast schon wieder lachen, sollte doch jedem aufgeklärten Zuschauer klar sein, welches Spiel hier gespielt wird.

Warum aber vor allem unser Verein vor dem Derby so kleinlaut war, sich so wenig wehrte und zu keiner Zeit vor die eigenen Fans und Spieler stellte, ist wohl nicht nur uns unklar. Da werden von GE-Seite die Spieler Kehl und Weidenfeller öffentlich gebrandmarkt, beschimpft und von Dortmunder Seite null Reaktion. Kein Wort davon, dass das hier ein Derby sei und die Schlacker sich bitte an die eigene Nase fassen sollten, die sie hocherhoben vor dem Derby noch über die B1 tragen wollten.

Erschreckend wie rückgratlos man sich bereitwillig in die zugeschobene Täterrolle fügte und sowohl Presseartikel, als auch das Geheule der Blauen größtenteils unkommentiert ließ - egal wie lächerlich die Vorwürfe waren. Die Gelsenkirchener wiederum durften sich einer mitleidigen Presse erfreuen und sich unter dem Deckmäntelchen einer Flyeraktion (wo waren die freundlichen Worte Richtung Dortmund eigentlich auf Ihrer Jahreshauptversammlung, Herr Schnusenberg?) in die notwendige Derbystimmung bringen. Derbystimmung? Auf Dortmunder Seite totale Fehlanzeige. Man wurde nicht müde den Blauen Respekt zu bekunden und Demut zu praktizieren. Das Ergebnis durfte man mit fassungslosem Entsetzen am Samstag bestaunen. Eine Mannschaft, die als personifizierte Demut auflief und sich schicksalsergeben aus der Halle schießen ließ. Dabei hatte sie vor wenigen Wochen erst gezeigt, was mit der notwendigen Derbyaggressivität möglich ist.

Allerdings sollten wir Fans in diesem Punkt auch selbstkritisch sein und uns fragen, ob wir selbst ausreichend „aufgepusht“ waren. Die allgemeine Grundstimmung war eine ganz andere als noch vor 3 Monaten. Natürlich war es ein absolutes Highlight und eine mörderisch gute Party, aber oftmals hatte man das Gefühl, als hätte man den 12.05. bereitwillig als Placebo genommen, weil man insgeheim einen derartigen Spielverlauf erwartet und sogar akzeptiert hat. Sicherlich hatte das Duisburgspiel nicht gerade Hoffnungen gemacht, aber das war DAS Derby. Ein Spiel, in dem alles anders ist. Wie oft standen wir in der jüngeren Vergangenheit als Meisterschaftsmitfavorit auf dem Platz und mussten uns dennoch im Derby geschlagen geben? Es gab eigentlich keinen Grund für vorzeitige Kapitulation.

Vereinsoffizielle, Mannschaft und Fans haben fast durch die Bank schon weit vor dem Anpfiff die weiße Flagge gehisst und das Derby leichtfertig hergeschenkt. Dabei hätte es gerade unsere Aufgabe als Fan sein müssen, dem Derby das notwendige Feuer zu verleihen, wenn man auf offizieller Seite nach völlig überzogenen Vorwürfen einknickt wie ein Streichholz, statt Stolz über einen leidenschaftlich und gemeinsam erkämpften Derbysieg zu präsentieren.

Der BVB verlor am Samstag saft- und kraftlos, vor allem aber ohne jegliche Aggressivität, und genau das ist es, was einen Derbysieger beinahe jedes Mal auszeichnet. Die Vorbereitung auf dieses Spiel ließ schon jegliche aggressive Grundstimmung vermissen, stattdessen wurde mit dem Gegner gekuschelt, Torwart Weidenfeller verstieg sich gar in die Behauptung, für die Fans sei das ein Fußballfest. Hallo? Für welche Fans? Für die des BVB und des S04? Für die ist es mit überwältigender Mehrheit DAS DERBY, mehr als ein schnödes Fußballfest. Im Gegenteil. Das Derby hat nichts mit Feststimmung zu tun.

Kein Spiel berührt das echte Leben außerhalb des Fußballs so, wie es das Derby vermag. Feste, das mögen Spiele zwischen Bayern München und Real Madrid sein – Derbys sind etwas Besonderes und müssen auch so gespielt und angenommen werden. Im Rückspiel haben wir wieder die Gelegenheit dazu. Schluss mit der Demut, Schluss mit der Unterwürfigkeit. Da muss das Derbyfeuer wieder bei allen lodern, statt nur auf Sparflamme zu glimmen.