»Dieser Kannibalismus ekelt mich an«

Das Mordopfer

Endlich darf Daniele De Rossi wieder einfach nur Fußball spielen. Der Mittelfeldspieler vom AS Rom hat Probleme wegen seines getöteten Schwiegervaters, einem Bankräuber. Das Gerede wird täglich unerträglicher. »Dieser Kannibalismus ekelt mich an«Imago Am Dienstag ist Champions League, der AS Rom startet gegen CFR Cluj aus Rumänien, und für Daniele De Rossi beginnt vielleicht so etwas wie Normalität. Einfach nur Fußball. Die vergangenen Wochen hinter sich lassen, den Skandal, das Gerede, die Familiengeschichten, und nur noch Fußball spielen. Und wenn es einfach nur verlieren heißt, wie gegen Palermo am letzten Samstag, als De Rossi sich vor der Pause wegen einer Muskelzerrung am Hals auswechseln ließ und die Roma mit 1:3 unterging. Ein verlorenes Spiel, mehr nicht. Und nachts kann man trotzdem schlafen. Oder, besser: gewinnen, wie gegen Georgien, beim WM-Qualifikationsspiel vergangenen Mittwoch, als De Rossi Italien mit seinen zwei Toren quasi im Alleingang zum Sieg führte. Beim Torjubel streckte er den rechten Zeigefinger nach oben, ein Gruß in den Himmel, und später sagte er mit trotziger Miene in die Fernsehkameras: »Die Tore widme ich meinem Schwiegervater.« Das gab Ärger.

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Die Widmung gehe an die falsche Adresse, erklärte die Polizeigewerkschaft: »Ein Spieler wie De Rossi ist ein Vorbild für viele Jugendliche und muss sich deshalb überlegen, was er sagt. Die Ermittlungen über den gewaltsamen Tod seines Schwiegervaters laufen noch.« Und sie werfen kein gutes Licht auf Massimo Pisnoli, den Vater von De Rossis Frau Tamara. Kurz vor dem Spiel gegen Georgien waren in Rom die Mörder von Pisnoli gefunden worden. Der Schwiegervater des Spielers: ein Mordopfer. »Wir hatten ihn alle sehr gern«, sagte De Rossi nach Georgien. »Meine Gedanken sind bei ihm.« Was konnte die Polizei dagegen einzuwenden haben? Nun, Pisnoli wurde nicht zufällig Opfer eines Überfalls. Die eigenen Komplizen erschossen ihn, weil er offenbar die Beute eines Bankraubs nicht geteilt hatte.

Schulden bezahlen

Massimo Pisnoli, 48, war ein vorbestrafter römischer Kleinkrimineller. Ein Einbruch hier, ein Diebstahl, eine Rauferei dort, alles keine großen Dinger. Zum Verhängnis wurden Pisnoli seine Kokainsucht und seine Freundschaft zu einem jungen Süchtigen, der für die Droge nicht mehr bezahlen konnte. Der Schwiegervater des Nationalspielers und der junge Mann wurden von ihren Dealern beauftragt, eine Bank zu überfallen und mit der Beute die Schulden zu bezahlen.

Ende Juli war es so weit. Pisnoli und sein Komplize tauchten in einer Filiale des Credito Cooperativo am Stadtrand von Rom auf. Pisnoli bedrohte der Polizei zufolge die Bankangestellten mit einem Rasiermesser und erbeutete auf diese Weise 9600Euro. Kein großer Coup, aber er bezahlte ihn mit dem Leben, weil er das Geld nicht herausrücken wollte. Seine Auftraggeber vollzogen eine regelrechte Hinrichtung - ein Schuss in den Rücken, der zweite ins Genick.

Tottis Schwiegermutter

Pisnoli starb am 7. August. Seither ist Daniele De Rossi ein Lieblingsobjekt der Klatschpresse. Der kriminelle Schwiegervater des Fußballmillionärs, der Mord im Stil der berüchtigten römischen »Banda della Magliana«, über die Romane geschrieben und Kinofilme gedreht wurden - ein gefundenes Fressen. Vergebens beteuerte De Rossi, er habe, wie auch seine Frau, kaum Kontakt zu deren Vater gehabt, der längst eine zweite Familie gegründet hatte, mit zwei noch minderjährigen Töchtern.

Für den Klub und die Nationalmannschaft ist das Familiendrama des 25-jährigen De Rossi kein Thema. Allerdings holte Nationaltrainer Marcello Lippi vermutlich nicht zufällig zu einem seltenen Ritterschlag aus. »Er ist einer der besten Mittelfeldspieler der Welt«, lobte er De Rossi, »auf dem Niveau eines Gerrard oder eines Lampard.« Unübersehbar hat De Rossi als Motor der Azzurri den langsam verblassenden Andrea Pirlo abgelöst, beim AS Rom nimmt er unaufhaltsam des Platz des verletzungsgeschwächten Francesco Totti ein. Wie Totti ist De Rossi Römer, er stammt aus der alten Hafenstadt Ostia vor den Toren der Kapitale. Wie Totti ist er von Kindesbeinen an Roma-Fan, nach Totti ist er die Nummer zwei für die Tifosi. Genau deshalb, findet die Polizei, hätte er mit seiner Widmung an den Schwiegervater etwas zurückhaltender sein können: »Er kann mit seinen Äußerungen Tausende Fans beeinflussen - vor allem die jüngsten.«

»Dieser Kannibalismus ekelt mich an«

Tatsächlich war De Rossis emotionaler Ausbruch eine Variante des obersten römischen Gebotes »Erst die Familie, dann der Rest der Welt und sein Gesetz«. Eine Mischung aus Sentimentalität und archaischem Ehrenkodex: »Ich habe einen schwierigen Moment in meinem Leben. Das bezieht sich auf die Angelegenheit mit meinem Schwiegervater. Ich leide darunter, und meine Familie, meine Frau leidet noch mehr. Tore und Siege gehen vorbei, die Beziehungen zu anderen Menschen bleiben.« Er habe lange geschwiegen, sagte der Spieler, »und in der Zeit musste ich eine Menge Lügen über mich lesen. Dieser Kannibalismus ekelt mich an«. Hinter der Medienschelte verbirgt sich auch diese Wahrheit: Italiens Fußballer sind Popstars. Aber egal, wie weit sie kommen und wie viele Tore sie schießen - die Familie holt sie immer ein. Francesco Totti hat es da im Zweifelsfall leichter. Seine Schwiegermutter ist der Arm des Gesetzes - sie ist Verkehrspolizistin in Rom.