Diese Frau brachte 3000 Kindern das Fußballspielen bei

Oma Trautchen

Glaubt man dem »Guinness-Buch der Rekorde«, hat niemand auf der Welt mehr Kindern das Fußballspielen beigebracht als die 75-jährige Hamburgerin. Und so bald hört sie nicht auf.

Henning Bode

Die kleine Frau mit dem großen Herzen sitzt im Klubhaus von Concordia Hamburg und knabbert vorsichtig an grünen Bohnen. Wegen einer Gesichtsoperation schmerzt ihr Kiefer bei jedem Bissen, weshalb sie in den vergangenen Monaten jede Menge Kilos verloren hat. Der Jogginganzug und das »Tweetie«-T-Shirt hängen übergroß an ihrem geschrumpften Körper und lassen die Trägerin darin fast verschwinden. Kaum vorstellbar, dass diese Frau jede Nacht um ein Uhr aufsteht, um mit Zeitungsaustragen ihre schmale Rente aufzubessern.

Kaum vorstellbar auch, dass niemand auf der Welt mehr Kindern das Fußballspielen beigebracht hat als sie – so steht es zumindest im »Guiness Buch der Rekorde«, seit 1999 schon. Bis heute waren es mehr als 3000 Nachwuchskicker, die sie unter ihren Fittichen hatte. Der prominenteste unter ihnen war Jan-Philipp Kalla, mittlerweile Profi beim FC St. Pauli, der über seine ehemalige Trainerin sagt: »Traute hat mit unglaublichem Herzblut jedem Kind Spaß an der Bewegung und den Wert des Mannschaftsgeistes vermittelt.«

»Herbert, warum brüllen die immer ›Kindermann, Kindermann?‹«

Traute Wohlers, 75, macht das seit 42 Jahren. Das »Trautchen«, wie das Vereinsurgestein bei Concordia Hamburg genannt wird, ist mit ihrer Erscheinung der Inbegriff einer kleinen, zerbrechlichen Oma. Weiße Haare, die über den Ohren enden, Hörgerät, der Gang ziemlich wacklig. Bei jeder Treppenstufe möchte man ihr reflexartig unter die Arme greifen. Doch vorhin, kurz vor dem Training mit der U7, hat sie zur Begrüßung lässig abgeklatscht wie die Profis im Mittelkreis, und jetzt, bei der Bohnenknabberei, analysiert sie ihr Schicksal als Fußballtrainerin schonungslos: »Weißt du, was mir fehlt? Das, was ihr Männer zwischen den Beinen habt.« Wie bitte?

Doch der Reihe nach. Das Trautchen, geboren in Hamburg, hatte für Fußball lange nichts übrig. Ihren Vater, der mit seiner Tochter vielleicht auf der Straße gebolzt hätte, lernte sie nie kennen – er fiel im Krieg. Später lernte Traute dann Herbert kennen, mit dem sie zwei Söhne und eine Tochter bekam. Herbert Wohlers war ein großer Fan des SC Concordia und irgendwann nahm er seine Traute mal mit ins Stadion Marienthal. Die erlag dem Charme des Erlebten allerdings nicht. Traute, von Geburt an hörbehindert, fragte ihren Gatten Mitte der ersten Halbzeit: »Herbert, warum brüllen die immer ›Kindermann, Kindermann?‹« »Dösbaddel«, antwortete Herbert, »das heißt ›Hintermann‹!« Traute ging nicht mehr ins Stadion.

Das erste Spiel verlor ihre Mannschaft mit 0:16

Einige Zeit später war in der Jugendabteilung von »Cordi« Not am Mann. Also fragte man Traute, ob sie nicht als Betreuerin der F-Jugend aushelfen könne. »Zu dem Zeitpunkt wusste ich gerade, dass der Ball rund ist«, sagt das Trautchen zwischen zwei Bohnen. Doch als Ferienbetreuerin im Schullandheim für sozial benachteiligte Kinder hatte sie Erfahrung im Umgang mit den »Lütten« gesammelt. »Dann tauchte ich wie verabredet zum nächsten Turnier auf und wartete auf den Trainer«, sagt sie. »Auf den warte ich bis heute.«

Traute ging nach Hause und holte einen Ball, es galt 14 Kinder zu beschäftigen. Beim nächsten Training fand sie ihren Torwart. Das erste Spiel verlor ihre Mannschaft mit 0:16. Sie erkundigte sich bei der 1. Herren nach den Grundlagen des Spiels. Innenrist. Spannstoß. Kopfball. Der SC Concordia hatte eine neue Trainerin.