Dienstagskolumne: Lionel Messi, Weltfußballer

»Die Deutschen haben kein Herz«

Unser Kolumnist Lucas Vogelsang war in New York. Er trank viel und schlief wenig. Und er traf einen Argentinier, der ihm erklärte, warum Argentinien die nächste WM mit Messi und acht Stürmern gewinnen wird. Eine Kampfrede im Morgengrauen. Dienstagskolumne: Lionel Messi, Weltfußballer
Die 11FREUNDE-Dienstagskolumne: Jede Woche machen sich  Lucas Vogelsang, Frank Willmann, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fußball, die Bundesliga und was sonst noch so passiert. Wenn unser heutiger Kolumnist Lucas Vogelsang nicht gerade für uns unterwegs ist, schreibt er für den Tagesspiegel, textet für Theaterstücke oder flaniert beseelt durch Berlin.


Selten war ich so erleichtert über den Beginn eines Fußballspiels wie an diesem Morgen in New York. 6 Uhr früh, ungefähr. Messi mit einem kaum kleineren Einlaufkind an der Hand, dahinter Xavi, Fabregas. Daneben die Brasilianer des FC Santos, die später nur Statisten sein sollten. Das alles auf einem etwa sieben Quadratmeter großen Plasmabildschirm. Irgendjemand trieb den Volume-Regler bis an den Anschlag. Und endlich ließ auch der Argentinier, Gastgeber und Plasmabildschirmbesitzer, von mir ab. Mit dem Anpfiff endete seine Kampfrede über die Seele des argentinischen Spiels, so abrupt wie sie zuvor begonnen hatte. Er stierte auf den Fernseher, leicht blöde, aber immer noch stark euphorisiert von den voran gegangenen Minuten. Mich, den Deutschen, hatte er mit dem ersten Ballkontakt Messis vergessen.

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Mit dem nächsten Übersteiger griff ich nach meinen Sachen und gab J., Zeige- und Mittelfinger strauchelnd in der Luft, das Zeichen zum Aufbruch. J. schüttelte den Kopf. In Zeitlupe. Was entweder meiner wankenden Wahrnehmung oder seiner mittlerweile bleiernen Motorik geschuldet war. In seiner Mimik, längst zu einem Stillleben moderner Kunst verrutscht, spiegelte sich die Überzeugung eines Mannes, der den Schlaf besiegt zu haben glaubt. Sein Abend hatte gerade erst begonnen. Das allerdings vor etwa 27 Stunden. Wobei ich auch das nicht so genau sagen konnte, weil J., sobald er von der Nacht gekostet hat, die Zeit nicht in Stunden, sondern in Gin Tonics misst. Für meinen Geschmack, waren wir schon einen Bombay und zwei Hendricks zu lange unterwegs. Also raus hier.

Während ich J. aus dem Zimmer schob, tanzte Messi mit zwei brasilianischen Schaufensterpuppen: Und als die ersten spanischen Hasstiraden am Plasma des Bildschirm abperlten, standen wir schon im Aufzug, wünschten dem Portier, samtrot uniformiert, amerikanisches Lächeln auf amerikanischen Lippen, ein frohes Weihnachtsfest und riefen uns ein Taxi. Hinter dem Central Park ein Glimmen. Das Blau der kommenden Stunde. Wohin, wollte der Taxifahrer wissen. Woher, war die Frage, die mich viel eher interessierte.

Zwei Tage New York, am Wochenende vor Weihnachten. Freitag hin, und mit vollen Tüten (Macy’s) und einem mit roter Schleife verzierten Doppeljetlag (Swiss Air) am Sonntag wieder zurück. Kann man mal genauso machen, fand J., packte eine Sonnenbrille (»für den Style«), zwei Boxershorts und eine halbvolle Packung Aspirin in einen alten Lederkoffer in Handgepäckgröße und machte ein halbes Dutzend Liegestütze (»für die Ladies«). Kurz danach waren wir Check-In bereit.

Akute Endorphin-Vergiftung

Da die Erinnerungen an die folgenden Stunden jedoch etwas aufgeweicht sind, im transatlantischen Übertrag verschwommen, gibt es den Trip hier kurz im Guy-Richie-Zeitraffer: Berliner Taxitür zu, startendes Flugzeug, landendes Flugzeug, New Yorker Taxitür auf. Broadway, Times Square. Häuserhöhen, Menschenmengen. Weihnachtsbaum am Rockefeller Center. Hellwach, in der Stadt, die den Schlaf aus ihren Straßen verbannt hat, in der selbst die Nachtruhe eine konstante Lautstärke erreicht. Jetlagwach im Tagtraum. Ziemlich gute Sache, dieses New York, dachte ich. Bisschen fiebrig schon. Angesteckt von J., der mit weit aufgerissen Augen unterwegs war,  als wollte er ein großes Stück aus dem großen Apfel gucken. Akute Endorphin-Vergiftung. Bis ich, plötzlich allein, auf der Dachterrasse eines Clubs stand. Hinter dem Geländer, Plexiglas, durchsichtig, der Hudson River. Am Horizont die vage Idee der Freiheitstatue.  Und vor mir ein kleiner Mann, der mit spanischem Akzent nach einer Zigarette verlangte.



J. hatte ich zuletzt vor etwa drei Gin Tonic und einer, von einem Haufen kalifornischer Upper Class Kids freundlich zur Verfügung gestellten, Jack Daniel’s Flasche gesehen.Die Party einen Stock tiefer wurde gerade aufgelöst. Merke: Auch in einer schlaflosen Stadt gibt es eine Sperrstunde. Liebe Mama, Reisen bildet. Dein Sohn.

Nun galt es, J. zu finden. Er lehnte unten an der Bar, vertieft in eines dieser Bargespräche mit dem Türsteher, einem etwa zwei Meter großen Afroamerikaner. Typ Danny Glover im Körper von Shaquile O`Neill. Es ging, so viel bekam ich noch mit, um afrikanische Wurzeln. Dann verabschiedeten sich die beiden, wie man sich unter Brüdern eben verabschiedet und J. tänzelte uns entgegen. Der Mann mit dem spanischen Akzent, nur zwei Schritte hinter mir, lachte, die beiden kannten sich schon. Freunde der Nacht. Gehen wir, fragte J. Doppeltes Nicken. Wir gingen. Zusammen mit Ruben, der sich noch schnell, mit spanischem Akzent, als Ruben vorgestellt hatte.

Zehn Minuten später: 37. Stock des Trump Towers

Drei weitere Worte wurden gesprochen, mehr musste auch nicht. After Hour. Und: Taxi. Zehn Minuten später stand ich im 37. Stock des Trump Towers, oder zumindest eines Trump Towers. Es gibt ein paar davon in New York. Und vor mir der Argentinier, Agustino, Rubens bester Freund, dem seine Eltern dort, im Trump Tower, seit ein paar Monaten ein geräumiges Zweizimmer-Apartment mit Skyline-Blick finanzierten. Mein Zeitgefühl hatte sich längst durch die Hintertür verabschiedet. Ein Blick aus dem Fenster aber zeigte zumindest eine, von einzelnen Lichtpunkten, aufgereiht wie auf einer defekten Christbaumkette, durchsetzte oberflächliche Dunkelheit, wie sie nur in Großstädten zu finden ist. Darüber keine Sterne. Lichtverschmutzung.

Agustino hatte augenscheinlich zum morgendlichen Frühschoppen der Weltjugend geladen. Auf diversen Sitzgelegenheiten zerflossen die Körper der globalen Schlaflosigkeit. Zwei Pärchen. Er Argentinier, rein von der Optik Agustinos Bruder, sie Asiatin. Gegenüber eine Italienerin mit mehr als rudimentären Deutschkenntnissen, aalend in der Umarmung eines Israelis. Dann noch zwei andere Südamerikaner, die an den Schläuchen einer Wasserpfeife hingen. Und eben Ruben, der, die Augen geschlossen, in einem Sessel zu meditieren schien.

Irgendwo zwischen Aushilfsmafioso und Maradona

J. war in der Küche verschwunden, um sich einen Espresso zu machen. Ein guter Zeitpunkt eigentlich, um die Nacht in der Dämmerung ausklingen zu lassen. Aber Agustino wollte nun unbedingt über Fußball sprechen. Oder vielmehr: Über das Wesen des deutschen Spiels an sich und die natürliche Überlegenheit der argentinischen Seele. Ich hatte da jetzt eher keine so große Lust drauf. Doch Agustino, nur in Boxershorts bekleidet, Hausschuhe aus Fell, das sonst schulterlange Haar, eilig zu einem Pferdeschwanz gebunden, unter einer Basecap, hatte längst mit der Vorstellung begonnen. Erster Akt, Szene: Südamerikanischer Debattierklub. »Die Deutschen haben kein Herz«, sagte er. Mit diesem typisch argentinischen Gestikzirkus, irgendwo zwischen einer an Giovanni Trappatoni erinnernden Parodie eines Aushilfsmafioso und der Theatralik Maradonas.



Ich hätte mich jetzt auf das Sofa setzen, mit einem letzten Drink in der Hand das multiethnisches Vorspiel studieren können. Aber ich musste Agustino unbedingt an Südafrika erinnern, reflexartig. Ich sagte: Vier zu Null, lachte über einen kleinen dicken Mann mit zwei Uhren. Ich sagte: Müller, Özil. Und dann sagte ich noch: Arne Friedrich. Wie gesagt, mir hätten eine Menge besserer Dinge einfallen können. In diesem Moment. Aber ich sagte tatsächlich: Arne Friedrich. Da prallte nun deutscher Hohn auf das Ehrgefühl des Argentiniers. Und: Fußball, Ehre und Machismo funktionieren auch in Fellhausschuhen und Boxershorts. Agustino drückte mir den Finger auf die Brust und wiederholte, diesmal lauter: »Die Deutschen haben kein Herz.«

Diesmal entschied ich mich für die Defensive. Schönstes Touristen-Lächeln. Halb freundlicher Japaner, halb polyglotter Gender-Student aus Tübingen. Ein Freund zu Gast bei Weltbürgern. Doch es war längst zu spät. Die nächsten Minuten gehörten ihm, und er nutzte sie für eine Ansprache, die er vor nicht allzu langer Zeit für einen möglichen Besuch aus Deutschland vorbereitet zu haben schien. Schweinsteiger kein Herz. Özil auch nicht. Und Müller, jetzt lachte der Gaucho, sowieso nicht.

Mit acht Stürmern wird Argentinien Weltmeister

Er hielt beide Hände in die Luft, alle Finger bis auf den kleinen und den Ringfinger der rechten Hand ausgestreckt. Acht, sollte das heißen. Wenn Argentinien bei der nächsten Weltmeisterschaft mit acht Stürmen spielt, dann wird Argentinien auch Weltmeister, sagte Agustino und machte danach eine Pause, die seinen Worten Nachdruck verleihen konnte. Er meinte das genauso und er meinte das ernst. Mit so etwas Banalem wie der Weltrangliste, das spürte ich, brauchte ich ihm jetzt auch nicht mehr zu kommen. Vielleicht hatte ich aber auch einfach kein Herz für eine Auseinandersetzung.

Er trank einen herrischen Schluck aus einer Flasche Absynth, wo auch immer er die in der Zwischenzeit hergeholt hatte, wollte gerade von Neuem anheben, als das Fernsehbild aufflackerte. J., Kaffeetasse in der Hand, stand grinsend daneben. Klub-WM, ein kleiner Argentinier an der Hand eines kaum größeren Einlaufkindes. Endlich Ruhe in dieser Nacht. Allein für diesen Moment hätte auch ich Lionel Messi zum Weltfußballer gewählt.