Die wundersame Welt von Bayers Chicharito

Der stille Fußballgott

Seit dieser Woche ist er der beste Torjäger Mexikos, zu Hause nennen sie ihn ohnehin schon lange ChichaDios und vergleichen ihn mit Cristiano Ronaldo. In Deutschland gibt Chicharito den Fans dagegen noch immer Rätsel auf. Irgendetwas ist kaputtgegangen. Bloß was?

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Nach handgestoppten 20 Minuten suchen seine tiefbraunen Augen den Pressesprecher. Der nervöse Blick verheißt nichts Gutes. Dann geht alles ganz schnell. Kurzes Kopfschütteln, und plötzlich verlässt Javier Hernandez, genannt Chicharito, den Raum. Er geht hinaus auf den Flur, Richtung Fahrstuhl. Er dreht sich nicht um. Er sagt kein Wort. Zurück bleiben ein verdutzter Fragesteller, ein entsetzter Fotograf und der einigermaßen gefasste Pressesprecher Dirk Mesch. Dieser kneift die Lippen zusammen, zieht die Augenbrauen hoch und zuckt mit den Schultern, als wolle er sagen: Haben wir euch ja gleich gesagt. So ist er halt, der Chicha.

Die Frage bleibt: Wie ist er wirklich, der Chicha? Dieser 28-jährige Mann, der in seiner Heimat Mexiko und eigentlich in der gesamten lateinamerikanischen Welt als Fußballgott verehrt wird, der hier aber weitgehend unbekannt geblieben ist. Auch weil er so gut wie nie mit deutschen Journalisten spricht.

Ein Interview mit Chicharito? Schwierig, heißt es zu Saisonbeginn aus der Presseabteilung von Bayer Leverkusen. Schließlich handele es sich um den in dieser Hinsicht begehrtesten Spieler der Klubgeschichte. Der Stapel mit den Anfragen sei fast so hoch wie der Kölner Dom. Tage vergehen, Wochen, Monate. Nichts. Und dann, als Weihnachten immer näher rückt, ist der Stürmer doch bereit. Aber, warnen sie bei Bayer: Nicht länger als zwanzig Minuten. Da sei er eigen, der Chicha. Bloß, wie will einer in zwanzig Minuten über seine komplette Karriere sprechen? Eine Karriere mit Stationen bei Manchester United und Real Madrid. Wenigstens 40 Minuten? Na gut, sagen sie in Leverkusen, und bitte nicht wundern, dass der Chicha alle Fragen mit jener Geschwindigkeit abhandele, mit der er auch auf dem Platz unterwegs ist.

Wenn er keine Tore schießt, sei er schwer zu genießen

Es ist also schon vor dem Interview Schlimmstes zu befürchten und tatsächlich, das scheinbar Unvermeidliche tritt ein. Vielleicht ist es das triste Dezembergrau, das Javier Hernandez aufs Gemüt schlägt, vielleicht hat er auf das alles keine Lust.

Es beginnt damit, dass er auf sich warten lässt, obwohl das Training lange vorbei ist. Er werde von einem Physiotherapeuten behandelt, heißt es. Kein Problem, so bleibt Zeit, in einer sterilen Loge noch einmal die Fragen durchzugehen. Weiße Wände, ein großer langer Tisch, Konferenzraumatmosphäre. Durch die riesige Fensterfront ist das Spielfeld der BayArena zu sehen. Gerade zu Hause lief es zuletzt nicht besonders. Vor ein paar Tagen hat Chicharito hier im Heimspiel gegen Freiburg einen Elfmeter vergeben, die »Bild«-Zeitung schrieb danach vom »schlechtesten Elfer aller Zeiten«, und der »Express« nannte ihn die »Verknallererbse«. Denn es war schon der zweite Strafstoß, den er in der laufenden Saison verschossen hat.



Überhaupt liegt zu diesem Zeitpunkt sein letzter Treffer lange zurück, und wenn er keine Tore schießt, sei er schwer zu genießen, heißt es über Chicharito. Also lieber nicht mit einer sportlichen Frage einsteigen. Vielleicht etwas Persönliches. Eine Viertelstunde vergeht. Eine halbe. 45 Minuten.

Dann, Schritte auf dem Gang. Er kommt. Dass seine Laune nicht die beste ist, verraten seine Augen. Ernst schaut er drein, die kurzgeschnittenen schwarzen Haare verstärken den Ausdruck nur. Keine Regung in den kindlichen, runden Gesichtszügen, die ihn jünger als 28 Jahre aussehen lassen. Seine blauen Jeans spannen über den muskulösen Oberschenkeln, unter dem grünen Pullover zeichnet sich ein definierter Oberkörper ab. Schon bevor er sich setzt, signalisiert er: wenig Zeit. Er habe noch einen Termin, sein Berater würde unten warten. Fotos? »Nein, keine Fotos«, sagt er mit dem stechenden Blick eines Türstehers.

»Ich habe immer versucht, ein guter Sohn zu sein«

»Vielleicht könnten Sie wenigstens schnell das Leverkusen-Trikot überziehen?«, fragt der Fotograf, der befürchtet, dass er seine komplette Ausrüstung umsonst mitgebracht hat. Es ist das erste Mal, dass Chicharito hilfesuchend Augenkontakt zum Pressesprecher sucht, als wolle er fragen: Hat denen niemand erzählt, wie das bei mir läuft? Bevor er antwortet, verdreht er noch die Augen, pustet einmal laut aus und sagt dann: »Nein.« Also erst mal das Interview? »Si.« Und tatsächlich. Der Mann hat es eilig. Bei der WM 2010 galt er als schnellster Spieler, 32,14 Stundenkilometer mit Ball am Fuß. Im Gespräch erreicht er ein ähnliches Tempo. Javier? Chicharito? Wie dürfen wir Sie eigentlich nennen? »Ich habe viele Spitznamen. Chicharito ist der bekannteste.« Wie wurden Sie in Ihrer Kindheit noch genannt? »Chicha. Chicharrón. Javier nur, wenn ich was angestellt hatte.« War das oft der Fall? »Nein, ich hab immer versucht, ein guter Sohn zu sein.«

Er wuchs im Umkreis der Millionenmetropole Guadalajara auf. Sein Vater Javier Hernandez Senior war ein bekannter Fußballer, er spielte als Stürmer für Estudiantes Tecos und die Nationalmannschaft. Sie nannten ihn Chicharo, die Erbse. Klar, dass sein Sohn bald Chicharito, die kleine Erbse, gerufen wurde. Javier Junior bekam das Toreschießen als Erbmasse mit. Sein Großvater Tomas Balcazar war ebenfalls Stürmer. Für Mexiko traf der bei der WM 1954 gegen Frankreich. Schon als Baby saß Chicharito auf dem Schoß von Mutter Silva mit im Stadion, hörte die Gesänge der Fans, den Rhythmus ihrer Trommeln und ihre Jubelschreie. Der Vater reiste viel durchs Land, aber wenn er zu Hause war, nahm er Javier mit zum Trainingsgelände oder zu den Spielen.