Die wunderbare Welt der Fußball-Klischees (3)

»Sieg oder Spielabbruch!«

Die, die immer an uns geglaubt haben. Der 12. Mann. Die Allesfahrer. Die Fans. Teil 3 unserer Reise in die wunderbare Welt der Fußball-Klischees.

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11FREUNDE-Redakteur Alex Raack hat ein Buch geschrieben. Es heißt: »Den muss er machen: Phrasen, Posen, Plattitüden – die wunderbare Welt der Fußballklischees« und ist jüngst im Edel-Verlag erschienen. Wir veröffentlichen exklusiv Auszüge. Thema heute: Fans.


Allesfahrer
Es gibt verschiedene Wege, um sich im Leben einen gewissen Respekt zu erarbeiten. Manche ackern sich mit 16-Stunden-Schichten auf einen Managerposten, andere retten bedrohte Krötenarten vor der geplanten neuen Bundesstraße, wieder andere schlagen Einbrecher mit dem Besenstiel in die Flucht und werden vom Boulevard als Helden des Alltags gefeiert. Und es gibt Allesfahrer. Das sind Männer und Frauen, die sich ihrem Verein so sehr mit mit Leib und Seele verschrieben haben, dass sie dem Klub wirklich überall hin begleiten. Sie sind die Manndecker der Fanszene (siehe auch: »Und wenn er aufs Klo geht, du gehst mit!«).

Heim- und Auswärtsspiele in der Liga sind für Allesfahrer so sehr Alltag wie für uns Normalsterbliche das morgendliche Zähneputzen. Sie zeigen ihre besonderen Qualitäten, wenn der Herzensverein am Donnerstagabend zum Europa-League-Spiel im östlichen Bulgarien antreten muss und die Anreise zum dortigen Stadion eigentlich nur mit dem Hubschrauber zu bewerkstelligen ist. Allesfahrer kennen das europäische Straßennetz besser als verdiente Fernfahrer, klatschen mit ukrainischen Schaffnern und polnischen Grenzern ab wie mit alten Freunden. Für sie sind 30-stündige Zugfahrten keine unmenschliche Anstrengung, sondern allerhöchstens lästige Pflicht.

In Stadien dieser Welt sind sie zu Hause wie einst Boris Becker in Wimbledon. Wenn sie dann am Ziel angekommen sind, werden brav Gästeschals und Pins gekauft, schließlich muss das heimische Museum mit Reisesouvenirs aufgefüllt werden. Manche Allesfahrer schleppen pflichtbewusst metergroße Stoffbanner mit sich herum, um vor Ort dann auch dem letzten Fernsehzuschauer zu signalisieren: Da schau her, der verrückte Hund ist natürlich auch mit zum Testspiel auf die Galapagosinseln gereist!

Geschulte Fußballfans werden dabei sicherlich an die bei HSV- und Dortmund-Spielen allgegenwärtigen »Air Bäron« und »Borsti«-Plakate der Vorzeige-Allesfahrer Florian Ludwig (aka Borsti/BVB) und Frank Niemann (aka Air Bäron/HSV) denken. Solche Fans werden im Wintertrainingslager in Belek vom Klub-Busfahrer mit ihrem Lieblingskuchen begrüßt und plauschen mit dem Präsidenten abends beim Gute-Nacht-Umtrunk. Beim Rest der Fangemeinde genießen sie nicht nur unendlichen Respekt, sondern teilweise gar Legendenstatus. Mag man auch noch so ein charakterloser Vollidiot sein, wer seit zwölf Jahren nicht ein einziges Testspiel des geliebten Klubs verpasst hat, steht bei Hardcore-Fans auf einer Stufe mit Mama, Papa und Langzeitfreundin.

Nicht selten lernen Allesfahrer ihren Lebenspartner auf der Fahrt zum Auswärtsspiel bei Kayseri Erciyesspor kennen und feiern das junge Glück mit einem Besuch auf der Datsche des kroatischen Grenzers mit dem man sich 1997 mal in einer legendären Nacht nach allen Regeln der Kunst besoffen hatte. Respekt.