Die vielen Comebacks des Heung-min Son

Die Angst des Stürmers

Als sein Entdecker gilt Ex-HSV-Profi Soner Uysal, heute Co-Trainer der 2. Mannschaft. Damals, nach dem Fußbruch, sagte er über Son im »kicker«: »Er wird besser aus dem ersten Knick rausgekommen als andere.« Und tatsächlich: Der junge Stürmer kam zurück. Knapp drei Monate nach der Verletzung stand er wieder auf dem Platz, bei seinem Bundesligadebüt gegen den 1. FC Köln schoss er die zwischenzeitliche Führung. Ein Tor, so unbekümmert, so frei von jeder Last. Son rannte in der 24. Minute alleine auf Miro Varvodic zu, lupfte den Ball über den FC-Torhüter und schoss dann ins leere Tor ein. Selbst in Zeitlupe sieht das Tor aus wie in einem Computerspiel. Trainer Armin Veh jubelte: »Den Jungen gebe ich nicht mehr her!«
 
Nun wollten sie alle von dem kleinen Comeback berichten, doch Heun-min Son verschwand nach dem Spiel einfach in der Kabine. Er durfte nichts sagen. Son war zu diesem Zeitpunkt 18 Jahren und 114 Tagen und damit der jüngste HSV-Torschütze aller Zeiten. Später sagte er doch was. Zum Beispiel: »Wir Südkoreaner sind sehr fleißig.« Und: »Ich habe immer Lust auf Fußball.«

»Versuchen, Son die Angst zu nehmen«
 
Doch danach ging erst einmal nichts mehr. Zwischen Herbst 2010 und Sommer 2012 suchte Heung-min Son sehr häufig seine Leichtigkeit. Er fand sie nur in der Vorbereitung wieder. Im Liga-Total-Cup 2011 zum Beispiel gegen den FC Bayern, als er den Rekordmeister mit zwei Toren im Alleingang erledigte. Jupp Heynckes schwärmte danach: »Ein außergewöhnliches Talent.« In den ersten Spielen unter Michael Oenning lief es auch noch gut. Dann kam Thorsten Fink, und der HSV steckte im Abstiegskampf. Mit einem Mal wirkte alles, was Son tat, blauäugig und unbeholfen. Die Sprints, die Dribblings, die Schüsse – es sah aus, als mühte sich dort einer, der dieser Bundesliga-Robustheit einfach nicht gewachsen war.

Thorsten Fink sagte zwar, er werde versuchen, »ihm die Angst zu nehmen«, doch Son war bis zum Ende der Saison 2011 hinter erfahrenen Stürmern wie Paolo Guerrero oder Mladen Petric nur noch dritte Wahl. Unter dem neuen Coach machte er fünf Spiele von Beginn, 14 Mal wurde er eingewechselt. Immerhin: Am 15. April schoss Son ein Tor gegen Hannover 96. Es war ein schöner und eine wichtiger Treffer, denn er verhinderte den Abstieg der Hanseaten. Noch so ein kleines Comeback. Doch schon zwei Spieltage später saß er wieder auf der Bank.

In der kompletten Vorbereitung und in den ersten drei Pflichtspielen der aktuellen Saison gelang der Offensive des HSV wenig bis nichts. Artjoms Rudnevs und Marcus Berg blieben bislang ihrer Erstligatauglichkeit schuldig und Son wirkte so gefährlich wie ein Papierflieger bei Windstärke acht. Doch dann, am 31. August, am letzten Tag der Transferperiode, kehrte Rafael van der Vaart zurück. Er sollte den HSV aus dem Abstiegskampf schießen.

Ist das schon ein Comeback?
 
Comeback ist ein großes Wort im Fußball. Spieler, die über Jahre in der Versenkung verschwunden waren oder mehrere Spielzeiten mit Verletzungen herumplagten, Spieler wie Patrick Helmes oder Sebastian Kehl haben den Aufstieg, den Fall und den erneuten Aufstieg erlebt. Doch Heung-min Son? Er ist vor zwei Monaten 20 Jahre alt geworden. Er erlebt das normale Auf-und-Ab eines jungen Spielers. Doch wenn man so will: Er feiert dieser Tage auch sein drittes Mini-Comeback.

Das erste Spiel mit Rafael van der Vaart gegen Eintracht Frankfurt ging zwar mit 2:3 verloren, aber Son traf wieder. Das Tor sah aus wie das gegen den 1. FC Köln, Son sprintete leichtfüßig auf Kevin Trapp zu und umkurvte den Keeper danach geschickt. Gegen Borussia Dortmund traf Son gleich zweimal. Ein Tor gelang ihm mit einem sehenswerten Fernschuss, das andere in typischer Strafraumstürmermanier. Zwei seiner drei Saisontore bereitete Rafael van der Vaart vor. Der hat bei Real Madrid, Tottenham Hotspur und Ajax Amsterdam gespielt. Er ist einer wie Ruud van Nistelrooy oder Didier Drogba. Einer, der den Raum betritt und die Blicke auf sich zieht. In Hamburg nennen sie ihn Messias. Er kann Son vom Leben und vom Fußball erzählen. Son mag das, und die Hamburger haben berechtigte Hoffnung, dass nun, an der Seite vom großen Van der Vaart, alles gut wird mit ihrem Wunderknaben aus Südkorea. Vor dem heutigen Spiel gegen Borussia Mönchengladbach sagte er: »Vielleicht bin ich ja ein Holländer.«