Die verzwickte Torwartsituation beim BVB

Roman-Rotation

In der Europa League hält Roman Weidenfeller überragend. Warum spielt in der Bundesliga trotzdem der andere Roman?

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»Ein guter Roman erzählt die Wahrheit über den Helden, aber ein schlechter Roman erzählt die Wahrheit über den Autor.«
 
So lautet ein geflügeltes Wort in der Literaturkritik. Und wenn man noch mal ein paar Monate zurückgeht und sich die Torwartsituation in Dortmund im Sommer 2015 vergegenwärtigt, muss man sagen: Es hätte auch das Motto beim BVB werden können.
 
Denn was hätte sich BVB-Trainer Thomas Tuchel alles anhören müssen, wenn der eine oder der andere Roman schlecht gewesen wäre. Wenn Weidenfeller gegen Thessaloniki gepatzt hätte oder Bürki gegen Ingolstadt. Tuchel, Autor dieses komplexen Torwart-Drehbuchs, hätte dagestanden wie Professor Neunmalklug, der nichts weiß von Hierarchien oder Team-Dynamiken.
 
Aber es ist ja gutgegangen. Thomas Tuchel hat eine formidable Situation kreiert, in der seine Torhüter in verschiedenen Wettbewerben – Weidenfeller in der Europa League, Bürki in der Bundesliga und im Pokal – blendend halten. Tuchel hat mehr als das Maximum aus ihnen rausgeholt, 110 Prozent, wie man im Fußball so sagt.
 
Die Ausgangslage war ähnlich wie bei Jürgen Klinsmann in den Monaten vor der WM 2006, als er Oliver Kahn, bis dahin ein Heiliger mit einem Körper aus Titan, zu einem normalen Menschen aus Fleisch und Blut degradierte. Mit einem Mal war Oliver Kahn ein Fußballtorwart, der im Training neben Mitspielern und, schlimmer noch, neben Konkurrenten stand. Dieses Experiment ging insofern gut, als dass Jens Lehmann bei der WM 2006 fehlerfrei hielt, im Viertelfinale gegen Argentinien rettete er Deutschland sogar das Weiterkommen. Allerdings hatte Oliver Kahn, der zwar noch im Spiel um Platz Drei auflaufen durfe, nach der WM genug. Er trat zurück.

Die gute, alte Gerry-Ehrmann-Schule
 
Vermutlich gleicht die BVB-Situation daher eher der in Barcelona, wo Luis Enrique mit dem Teilzeit-Torhüter-Modell Erfolg hat (zumindest bis diese Woche). Enrique setzt seit 2014 in der Liga auf den Chilenen Claudio Bravo, in der Champions League darf Marc-Andre ter Stegen spielen. Letzte Saison gewann Barcelona so die Königsklasse und wurde Meister.
 
Auch für Tuchel war die Torhüter-Entscheidung im Sommer 2015 nicht einfach. Roman Weidenfeller war nicht nur eine Vereinsikone und Held der Kurve, über 300 Bundesligaspiele, zweimal Meister, einmal Pokalsieger, Weltmeister (wenn auch ohne Einsatz), er trainierte auch wie ein Besessener. Da stand jedenfalls keiner im Tor, der es auf seinen letzten Profitage ein bisschen gemütlicher angehen lassen wollte. Er, der 35-Jährige aus dem rheinland-pfälzischen Diez, kämpfte sich noch mal zurück. Die gute, alte Gerry-Ehrmann-Schule.
 
»Er hat sechs Wochen hingelegt, die ich so nicht erwartet hätte«, sagte nach der Saisonvorbereitung auch Trainer Tuchel, und auf einmal war man sich nicht mehr so sicher, warum der BVB denn überhaupt Roman Bürki vom SC Freiburg geholt hatte.

England? Frankfurt? Dortmund!
 
Als sich abzeichnete, dass der junge Neue trotz Weidenfellers Trainingsleistungen als Stammtorhüter in die Saison gehen würde, erwarteten viele, dass der alte Alte nun vor Wut explodieren oder sich zumindest einen anderen Verein suchen würde – schließlich lagen einige Angebote aus England vor, auch ein Frankfurt-Gerücht machte im Juli 2015 die Runde.
 
Aber nichts dergleichen geschah, Weidenfeller sagte nur, er werde das Urteil »so annehmen« und sich »weiter unterstützend in die Mannschaft einbringen«. Und es kam wirklich so: Weidenfeller pflügte weiterhin den Fünfmeterraum des Traingsplatzes um, und wurde dafür von Tuchel zum Europapokal-Keeper erkoren.
 
Keine schlechte Entscheidung: Erfahrung, die alte Bekannte eines jeden Fußballprofis, mag Donnerstagabends in Krasnodar oder Liverpool tatsächlich von größerer Bedeutung sein als Samstagnachmittags beim Spiel gegen Hoffenheim.