Die verrückte Geschichte eines holländischen Groundhoppers

Auf der Jagd

John Panhuijsen aus Amsterdam besucht alle 2388 niederländischen Amateurklubs: von Maastricht bis Groningen, auf Inseln und dem flachen Land. Warum macht er das bloß?

Marieke van der Velden
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Für einen Amsterdamer ist John Panhuijsen ein ziemlich offener Mensch. Selbstzufrieden um den eigenen Nabel kreisend, bezeichnen viele Bewohner der Metropole den Rest der Niederländer nämlich gerne mal komplett als »Bauern«. Panhuijsen dagegen hat ein ausdrückliches Interesse an abgelegenen Orten und selbst den kleinsten Dörfern. Wie Mariaheide in Noord-Brabant etwa, wie Babberich bei Arnheim an der deutschen Grenze oder Belfeld bei Venlo.

Dabei geht es allerdings weniger um die Orte selbst, sondern um die dortigen Amateurfußballvereine; ihnen gilt seine Leidenschaft. Seit 32 Jahren schon packt der inzwischen 63-Jährige am Wochenende zwei Sandwiches, ein Stück Kuchen sowie Limonade ein und macht sich auf den Weg durchs Land. Panhuijsen will jeden Amateurverein des Landes einmal zu Hause und einmal auswärts spielen gesehen haben.

Panhuijsen könnte mit 77 Jahren am Ziel sein

Ende Juli liegt das Ringbuch für die neue Saison schon bereit. Sämtliche Objekte seiner Begierde sind dort mit einer wie gedruckt anmutenden Handschrift aufgelistet, durchnummeriert von 1 bis 2388. Unten auf der letzten Seite steht »1429«. Es sind sogar 30 Klubs dabei, die sich inzwischen aufgelöst haben oder mit anderen Vereinen fusioniert sind. Der momentane Zwischenstand von rund 60 Prozent bedeutet: Wenn John Panhuijsen weiterhin jeden Samstag und Sonntag ein Spiel besucht, ist er mit 77 Jahren am Ziel.


»Angenehm durch Freundschaft« (Bild: Marieke van der Velden)

Immerhin kann er samstags und sonntags losziehen, weil beides Spieltage sind. Der niederländische Amateurfußball ist nämlich in zwei separate Systeme aufgeteilt ist. Wem der Glaube einst den sonntäglichen Kick verbot, spielt seit jeher samstags, der Rest am Sonntag. Selbst wenn sich das mit dem Glauben inzwischen vielerorts erledigt hat, hat das System doch bis heute überlebt.

Dass es quasi zwei parallele Amateurwelten gibt, ist nicht die einzige Kuriosität in Panhuijsens Welt. Da sind etwa die auffälligen Abkürzungen der Vereinsnamen und ihre skurrilen Bedeutungen. »Advendo« aus Breda etwa bedeutet »Angenehm durch Freundschaft und nützlich durch Entspannung«.

Mit der Bahn, der Fähre oder zu Fuß

DWO aus Zoetermeer steht für »Durch Willenskraft gewinnen«, und hinter GONA aus Den Haag verbirgt sich »Gesunde Entspannung nach der Arbeit«. Durch dieses Universum bewegt sich John Panhuijsen mit einem Erste-Klasse-Abo der niederländischen Bahn, mit lokalen Bussen und nicht selten zu Fuß. Sein Rekord steht bei anderthalb Stunden Fußmarsch von der nächsten Haltestelle bis zum Sportplatz. Aber auch mit dem Schiff war er schon unterwegs. In den frühen Neunzigern war er auf Fähren angewiesen, um ins Hafenstädtchen Hoek van Holland zu kommen. Reisezeit: 14 Stunden.

Inzwischen ist er bestens bekannt zwischen Maastricht und Groningen. Er kommt meist anderthalb Stunden vor Anpfiff am Spielort an und stellt sich mit dem Satz vor, der längst sein Markenzeichen geworden ist: »Ich bin John Panhuijsen aus Amsterdam, und ich komme, um eine Runde Fußball zu gucken.« Dann wird er auch schon mal über den Platzlautsprecher begrüßt. Es ist sogar schon vorgekommen, dass sein Besuch in der Stadionzeitung vorgemerkt wurde. Er hatte sich wegen unsicherer Wetterlage vorher informiert, ob das Spiel stattfindet.