Die verhinderte Karriere des Anthony Vanden Borre

Chance auf Freiheit

Einst als das neue Megatalent Belgiens gehypt, blieb Anthony Vanden Borre hinter den Erwartungen zurück und beendete seine Karriere. Nur um kurz darauf ausgerechnet im Kongo weiterzuspielen. 

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Anthony Vanden Borre galt als der kommende Shootingstar der belgischen Nationalmannschaft. Er machte Profispiele in Belgien, Italien, England und Frankreich. Für viele mag der jüngste Wechsel des einst von der Anderlecht-Ikone Paul van Himst als »größtes Talent, das ich je gesehen habe« betitelten Vanden Borre in den Kongo daher unverständlich sein. Doch auf den zweiten Blick wirkt der Schritt des 29-Jährigen nur konsequent.

Der Sohn eines Belgiers und einer Kongolesin wurde in Zentralafrika geboren, wuchs aber in der Heimat seines Vater auf. Ein Bürgerkrieg verschuldete den raschen Umzug in das Land der früheren Kolonialmacht. Schon in der Jugendakademie des RSC Anderlecht galt Vanden Borre früh als der kommende Star, selbst seinen 18 Monate älteren Kumpel Vincent Kompany stellte er in den Schatten. Mit 16 Jahren und 187 Tagen war es dann soweit: Vanden Borre debütierte im Profiteam. Als damals zweitjüngster Spieler der belgischen Liga-Historie. 

Begehrt in halb Europa

Gerade einmal ein halbes Dutzend Auftritte genügten, um sich erste Minuten für das belgische A-Nationalteam zu verdienen. Dank großartiger Technik, präziser Pässe und einer bemerkenswerten Übersicht stach der blutjunge Rechtsverteidiger aus der Masse heraus und so klopften schnell Europas Top-Klubs an. Angebote von Juventus Turin, den Tottenham Hotspur und des Hamburger SV – ja auch der zählte damals zu den Spitzenteams - waren bereits hinterlegt. Doch Vanden Borre wollte sich in Anderlecht behaupten.

Erste kleine Dellen bekam seine Karriere, durch eine klassische Jugendsünde. Denn als der Außenverteidiger mit neuer Frisur inklusive einrasierter Initialen auf dem Trainingsgelände auftauchte, war der Aufschrei bei Presse und Trainerteam groß. Fortan hatte der Teenager ein Bad-Boy-Image inne.

Doch Vanden Borre fühlte sich missverstanden und schlecht behandelt: »Die Leute haben ein falsches Bild von mir. Ich bin ein Mensch wie andere, mit einem Herzen wie alle anderen«. Und auch sportlich lief es im Weiteren nur suboptimal. Durch Verletzungen und mehrere Leichtsinnsfehler stagnierte die bis dato steile Karriere. Mit 20 Jahren entschied sich der junge Belgier dann für den Schritt ins Ausland zum AC Florenz. Doch der plötzliche Tod seiner Mutter setzte dem Youngster merklich zu.

Zweite Chance bei Anderlecht

Zu der familiären Krise gesellte sich eine sportliche. Vanden Borre bekam bei der Fiorentina kein Bein auf den Boden. Ein halbes Jahr und nur zwei Einsätze später ging es weiter zum FC Genua, danach folgte eine Leihe zum FC Portsmouth. Obwohl sich Vanden Borre wieder mehr Einsatzzeit erkämpfte, stieg er mit den Pompeys abgeschlagen als Tabellenletzter ab. Die Karriere des Talents schien am Tiefpunkt angelangt. 

Nach zwei Monaten ohne Klub, zog es Vanden Borre in die Ukraine. Doch nach drei Spielen bei Tavriya Simferopol hatte er genug von Osteuropa. »Ich bereue nichts. Ich liebe Abenteuer. Manchmal war das gut, manchmal nicht«, so sein Kommentar zum kurzen Gastspiel. 

Unverhofft gab ihm der RSC Anderlecht eine zweite Chance, der bei Vanden Borre einen Sinneswandel feststellte. »Ich bin der Erste, der zugeben muss, dass ich mich zu lange auf mein Talent verlassen und nicht genug gearbeitet habe«. Nach Anlaufschwierigkeiten spielte er sich Ende 2013 in die Stammelf und sprang sogar noch auf den WM-Zug auf. 


Seinen einzigen Turniereinsatz hatte er im  letzten Gruppenspiel gegen Südkorea. Vanden Borre spielte hinten rechts durch, erlitt daraufhin jedoch einen weiteren Rückschlag – Diagnose: Wadenbeinbruch. Auch aus dieser Verletzungspause kämpfte sich Vanden Borre zurück. Doch wenig später setzte Klubtrainer Besnik Hasi nicht mehr auf ihn, weshalb er daraufhin ein Jahr auf der Tribüne verbrachte.