Die Ultra-Pioniere von Marseille

»Mein Sohn, wir können gar nicht verlieren«

OM verliert das Endspiel gegen Roter Stern, steht aber nur zwei Jahre später erneut im Finale. Die erste Champions League-Saison der Geschichte wird in München entschieden, OM trifft auf den AC Mailand. »Wir hatten aus den Fehlern von Bari gelernt – und die Klubverantwortlichen auch«, sagt Fabrice. In Sonderzügen werden mehr als 30.000 Franzosen in die bayrische Landeshauptstadt gebracht, die Stimmung ist schon auf der Reise gigantisch. »Im Olympiastadion war unsere Kurve eine einzige wabernde Masse, überall brannten die Bengalos, flatterten die Banner und Fahnen.« Als Bernard Tapie mit seinem Sohn den Rasen betritt und seine Landsleute auf den Tribünen sieht, beugt er sich zu seinem Filius herunter, zeigt auf die Kurve und sagt: »Mein Sohn, wir können gar nicht verlieren.«


(Sieht man gerne in München: blau und weiß in Volksfeststimmung. Bild: Imago)

Ob Tapie nun die bis heute nicht ganz geklärten Umstände um Bestechungsgelder und sonstige dubiose Geldflüsse meinte oder tatsächlich den Anhang – wer kann das schon sagen? OM gewinnt dieses Finale mit 1:0. Und als Rudi Völler nach dem Spiel vor den Block läuft, singt die ganze Kurve, angeführt von den ersten Ultras, sein Lied: »Der Deutsche fliegt vor der Kurve, die Kurve liebt dich, fliegender Deutscher!«

Größer als beim Finale 1993 wird OM nie mehr werden. Vielleicht erlebt da auch die Ultra-Kultur der Stadt ihren Höhepunkt. Der erste Hype ist vorbei, überall auf dem Kontinent breitet sich die Ultra-Kultur aus. Schon 1992 gründen die 50 Pionieren von 1984 eine eigene Gruppe innerhalb der Gruppe und nennen sich fortan »Vieille Garde«, Alte Garde. Da ist Pedro 25 und »Commando Ultra« auf 5000 Leute angewachsen.

»Nicht wie Soldaten von vorgestern«

Der Zwangsabstieg und die Jahre im Mittelmaß nach dem Tapie-Skandal verändern auch die Fanszene von OM. Neue Gruppen drängen sich in die Kurve, die Szene muss lernen, sich auf neue Einflüsse, Ideen, Vorstellungen einzustellen. Das gelingt zwar besser als in anderen Vereinen, wo sich manche Gruppen bis heute Spinnefeind sind, aber vor dem Generationenkonflikt ist auch Marseille nicht gefeit. Man nimmt es Pedro und Fabrice, der eine 48, der andere 50, durchaus ab, wenn sie sagen: »Wir wollen nicht wie Soldaten von vorgestern klingen«, aber Kritik an den Entwicklungen haben sie durchaus.

Pedro formuliert es vorsichtig, den eigenen Glaubensbrüdern will man nicht einfach so vors Schienbein treten. Er sagt: »Vielleicht hatten es die heutigen jungen Ultras zu einfach. Jedenfalls einfacher als wir. Sie mussten sich lediglich ins gemachte Nest setzen und nicht erst die Kurve erobern.« Das klingt dann doch wie ein alter Frontbericht, aber ist ja nur die Wahrheit. Acht Ultra-Gruppen gibt es heute bei OM. Einige von ihnen werden geradezu patriarchisch geführt und, das ist den Oldschoolern natürlich ein Dorn im Auge, machen die weiterhin existierende Faszination für Ultra-Kultur zu Geld. Pedro ärgert es, dass der Nachwuchs heute viel Energie darauf verwendet, hübsche Online-Shops zum Verkauf von Shirts und Caps zu erstellen, oder mit Videos und Selfies den eigenen Mythos zu socialnetworken, statt alle Kraft in die Planung der nächsten Auswärtsfahrt zu stecken.

OM bleibt Magie

»Vielleicht stirbt die Bewegung irgendwann, weil sie zu groß geworden ist«, sinniert Pedro beim letzten Schluck Rosé. Das Glas ist leer, das Gespräch fast beendet, da denkt Pedro an die großen Spiele der vergangenen Jahre und was auf den Rängen im Stade Velodrome los war. Er will optimistisch bleiben, statt den Teufel an die Wand zu malen. »Denn weißt du was? Was hier in dieser Stadt abgeht, wie viel Liebe OM zuteil wird, das ist immer noch unglaublich.« »OM ist Magie«, stand auf einem der ersten Banner der Pioniere von 1984. Und magisch ist dieser Verein und seine Fankurve bis heute geblieben.