Die Trainerlaufbahn des Lothar Matthäus

„Er ist ein unfertiger Mensch“

Lothar Matthäus war ein großer Spieler. Doch ein großer Trainer ist er nicht. Unlängst wurde er als Assistent von Giovanni Trapattoni bei Red Bull Salzburg entlassen. Das war nicht die erste und auch nicht die letzte Schmach. Eine Spurensuche. Imago Matthäus´ ehemaliger Trainer Ottmar Hitzfeld meinte einst, dass die erste Trainerstation von elementarer Wichtigkeit für die weitere Karriere sei. Hinterlasse ein Trainer dort keine gute Note, habe das mitunter schwere Auswirkungen auf den Verlauf der weiteren Laufbahn.

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Bei SK Rapid Wien in Österreich meinte Matthäus einen adäquaten Verein für den Beginn seiner Trainerkarriere gefunden zu haben. Auch die Rapid-Verantwortlichen schätzten sich im September 2001 nach einem bescheidenen Saisonstart überaus glücklich, die herausragende deutsche Spielerpersönlichkeit der 80er und 90er Jahre als Nachfolger des bisherigen Chefcoaches Peter Persidis präsentieren zu können. Matthäus war durchaus ambitioniert. Auf seiner ersten Pressekonferenz in Wien ließ er verlauten, die Spieler dürften ihn duzen, wenn Rapid die Champions League gewonnen habe.

Doch spätestens am Saisonende hatte sich die Einstellung der Vereinsführung gegenüber Matthäus umgekehrt. Statt des Minimalziels UEFA-Cup erreichte Rapid am Saisonende in der nur zehn Mannschaften umfassenden österreichischen Liga lediglich den achten Rang. Das bedeutete für den Traditionsklub die schlechteste Platzierung der Vereinsgeschichte.

Doch dem zweimaligen Weltfußballer des Jahres fehlte in Wien nicht nur sportliches Geschick, auch abseits des Platzes hatte er wiederholt Ärger und offensichtlich auch keinen guten Draht zu seiner Mannschaft. Die Schuld am schlechten Abschneiden schob Matthäus den Vereinsoberen zu. So bezeichnete er Rapid Wien als „Schlangengrube“, schlimmer als der FC Bayern, und den Rapid-Präsidenten Rudolf Edlinger nannte er indirekt einen Lügner.

Die Wiener Verantwortlichen waren empört über derartige Ausführungen, doch insgeheim kamen ihnen diese sogar gelegen, hatten sie doch nun einen triftigen Grund, ihrem in Ungnade gefallenen Trainer in Folge der „vereinsschädigender Aussagen“ fristlos zu kündigen. Edlinger konterte Matthäus Vereinskritik mit den Worten „für seine 41 Jahre ist er ein unfertiger Mensch“, und nach Aussage des Rapid-Torwarts Ladislav Meier habe jeder im Verein – von der Putzfrau angefangen – aufgeatmetet, als Matthäus gegangen sei. Ferner gab er an, ihr Trainer habe immer im Mittelpunkt stehen wollen, sei an keinem Mikrofon vorbeigegangen, und es habe nichts Langweiligeres als sein Training gegeben. Zu allem Überfluss folgte nach seine Entlassung ein monatelanger Rechtsstreit zwischen Matthäus und Rapid. Der zweimalige Weltfußballer des Jahres klagte erst auf Wiedereinstellung (er wollte „die erfolgreiche Trainertätigkeit fortführen“) und anschließend auf noch ausstehende Gehälter.

Unterm Strich war das Trainerdebüt des Kapitäns der deutschen Weltmeistermannschaft von 1990 gründlich misslungen. Doch der Name Lothar Matthäus war trotzdem noch eine Marke im Weltfußball. So tat sich für ihn in Serbien schon bald die nächste Chance auf.


Dort trat Matthäus nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit im Dezember 2002 bei FK Partizan Belgrad die Nachfolge des zurückgetretenen Trainers Ljubisa Tumbakovic an. Belgrad war zu diesem Zeitpunkt mit sechs Punkten Vorsprung Tabellenführer. Das bedeutete einerseits gute sportliche Startbedingungen, andererseits jedoch auch großen Druck, den Vorsprung ins Ziel zu bringen, sprich die Meisterschaft einzufahren. Das gelang Matthäus auch, mit großem Punktepolster ausgestattet führte er Belgrad souverän zur Meisterschaft, was für Partizan das Erreichen der Champions League-Qualifikation bedeutete.

Ein Interview mit der Bild-Zeitung ließ jedoch erahnen, dass Matthäus trotz seines ersten Titelgewinns in dem Balkanstaat nicht gänzlich zufrieden war. Sein eigentliches Bestreben war eine Trainertätigkeit in der Bundesliga. In dem Interview brachte er sich selbst als Trainer bei Schalke 04 ins Gespräch, als die Knappen auf der Suche nach einem Nachfolger für Interimscoach Marc Wilmots waren („Schalke würde mich jederzeit reizen“). Doch durch seine Angewohnheit, sich den Bundesligavereinen via BILD-Zeitung unterschiedslos und permanent an den Hals zu werfen, sowie seine jahrzehntelange Kooperation mit dem Massenblatt an sich hat sich Matthäus für die Bundesligaklubs fast ausnahmslos untragbar gemacht hat.

So entschieden sich denn auch die Königsblauen gegen ihn und für Jupp Heynckes, und Matthäus blieb in Serbien. Dort qualifizierte er sich zu Saisonbeginn mit seinen Mannen überaschend für die Champions League, das lang ersehnte Ziel der Partizan-Verantwortlichen war erreicht. In der Vorrunde reichte es jedoch nur zu drei Unentschieden.

Im Dezember 2003, sechs Monate vor Vertragsende, kündigte Matthäus seinen Kontrakt mit Belgrad auf und war fortan Nationaltrainer Ungarns. Über seine Beweggründe für den Wechsel kann nur spekuliert werden. Mit den Partizan-Verantwortlichen gab es wohl Meinungsverschiedenheiten über die Verwendung der Einnahmen aus der Champions League. Vielleicht lag es auch an seiner neuen Ehefrau Marijana Kostic, die zu jener Zeit in der ungarischen Hauptstadt Budapest lebte. Sicher mag für Matthäus auch der Gedanke reizvoll gewesen sein, mit der ungarischen Mannschaft an der WM 2006 in Deutschland teilzunehmen. Doch in der Qualifikationsgruppe mit Kroatien, Schweden und Bulgarien zeichnete sich schnell ab, dass Ungarn sein Ziel weit verfehlen würde. Matthäus größter Erfolg war ein Sieg in einem Freundschaftsspiel: Anlässlich des 50jährigen Jubiläums des WM-Finales von 1954 kam es in Kaiserslautern zu der Begegnung zwischen Deutschland und Ungarn, welche die Gäste mit 2:0 gewinnen konnten. Doch nach zwei insgesamt mäßig erfolgreichen Jahren endete mit Jahresende auch Matthäus´ Engagement bei den Magyaren.

Zu dieser Zeit war der Franke in Nürnberg nach der Entlassung von Trainer Wolfgang Wolf für Club-Präsident Roth der potentielle Nachfolgekandidat Nr. 1 – und, wie der BILD-Zeitung zu entnehmen war, alles andere als abgeneigt. Doch es kam anders, nicht zuletzt wegen heftiger Proteste seitens der Club-Fans. Statt in Nürnberg heuerte Matthäus zum 1. Februar 2006 als erster Europäer überhaupt als Trainer bei einem brasilianischen Spitzenklub, dem Erstligisten Atlético Paranaense, an. Doch mit diesem Engagement rückte sein eigentliches Ziel, Chefcoach in der Bundesliga zu sein, nicht nur in räumlicher Hinsicht in weite Ferne. Es sollte eine „Zwischenstation und eine Lernphase“ sein, doch es geriet zu einer Posse. Bei seiner Ankunft von den Fans als Held gefeiert, schlich Matthäus nur sechs Wochen später, wie ein Drittklässer auf Klassenfahrt von heftigem Heimweh nach seiner Familie geplagt, wieder von dannen. In der Zwischenzeit verurteilte ihn der Brasilianische Fußballverband noch zu einer 30tägigen Sperre, nachdem er einen Schiedsrichter als „arrogant“ bezeichnet hatte. Auch wenn Paranaense unter Matthäus sechs von acht Partien gewann, hätte das Abenteuer Brasilien für ihn unterm Strich nicht unglücklicher verlaufen können. Seinem ohnehin dürftigen Image war es in jedem Fall nicht zuträglich.



Für deutsche Vereine blieb ein Lothar Matthäus nach dem Brasilien-Engagement mehr denn je tabu. Doch nicht so in der Alpenrepublik, in der seine Trainerkarriere begann. Salzburg, der ambitionierte und von Red Bull gesponserte Verein, schien bei der Verpflichtung jedoch nicht vollends von Matthäus Trainerfähigkeiten überzeugt gewesen zu sein, und so installierte der Verein Giovanni Trapattoni als offiziell zwar gleichberechtigten doch de facto übergeordneten Teamchef. Für das Alphatier Matthäus konnte es kein Dauerzustand sein, nur die Nummer Zwei zu sein. Im späteren Saisonverlauf kam es mit dem Maestro zu Auseinandersetzungen. Auf Grund von „unterschiedlicher Auffassungen im sportlichen Bereich“ wurde ihm kurz nach Saisonende im Juni 2007 gekündigt.

Die Hitzfeld´sche Theorie, dass die erste Trainerstation über Wohl und Wehe der weiteren Karriere entscheide, scheint sich zu bewahrheiten. Erfolge, die explizit seinem Trainerschaffen zuzuschreiben wären, gelangen Matthäus bis heute nicht. Zudem betreute er lediglich bei seinem Engagement als ungarischer Nationaltrainer eine Mannschaft länger als zwölf Monate.

Es ist doch sehr verwunderlich, dass sich sein öffentliches Bild in Deutschland und seine Wahrnehmung im Ausland unterscheiden wie Tag und Nacht. Während er in Deutschland nicht mehr als Sportler, sondern nur noch Boulevard-Figur („Borussia Banana“, RTL2) wahrgenommen, aber nicht mehr ernst genommen wird, genießt er außerhalb der Landesgrenzen noch immer ein hohes Ansehen. Neuesten Meldungen zur Folge soll der tschechische Fußballverband großes Interesse an Matthäus als Nachfolger für den umstrittenen Nationalcoach Karel Brückner haben.

Durch seine Erfolge als Spieler hat er im Weltfußball noch immer einen großen Namen, so dass er auch in Zukunft eine Vielzahl von Angeboten bekommen wird. Sollte seine Trainerkarriere weiter so verlaufen wie bisher, wird Lothar Matthäus noch viele Erfahrungen sammeln, er wird jedoch nur wenige Titel und noch weniger Renommee erlangen. Sein großes Ziel, einmal Chefcoach in der deutschen Bundesliga zu werden, wird er aber mit einiger Wahrscheinlichkeit nie erreichen.