Die schönsten Geschichten verpasster Tore

Koblenzer Stahl


Es ist der 26. Oktober 2010. In der schönsten Stadt der Welt wird an einem frischen Herbstabend die 2. DFB-Pokalrunde zwischen der TuS Koblenz und Hertha BSC in der Festung Oberwerth ausgespielt. Der Spitzenreiter der 2. Bundesliga reist als klarer Favorit nach Koblenz, wo sie vom Drittligisten empfangen wurden.

7015 Zuschauer waren ins Stadion Oberwerth gekommen und niemand sollte den Besuch an diesem Abend bereuen. Eine kleine Gruppe von Freunden, die die selbe Klasse eines Koblenzer Gymnasiums besuchten, hatte sich ebenfalls auf den Weg gemacht, das Pokalspektakel mitzuverfolgen. Zu der Zeit war die TuS der Mittelpunkt ihrer Fußballwelt, man hatte die Jahre zuvor Aufstiege und Abstiege miterlebt, die Atmosphäre an kalten Herbsttagen auf dem Oberwerth war ihnen nicht fremd.

Auch sie waren sehr überrascht über das Auftreten ihrer blau-schwarzen Schängel, die der Alten Dame aus Berlin keinen Meter schenkten und ihre Offensive um Adrian Ramos und Raffael gänzlich lahm legten. Als das Spiel mit 0:0 in die Pause ging, wehte ein Hauch von Sensation durch die Rhein-Mosel-Stadt. Den Freunden war klar, spielen wir weitere 45 Minuten auf dem Niveau, holen wir das Ding und ziehen ins Achtelfinale ein.

Doch nach der Pause entstand ein relativ ausgeglichenes Spiel, kaum Torchancen, beide Mannschaften extrem vorsichtig. Da die Warteschlange am Würstchenstand in der Halbzeit zu lang gewesen war, entschieden sich zwei des Freundeskreises, in der 58. Minute der Partie, diese Ausgeglichenheit auszunutzen und Bratwurst holen zu gehen. Nun, es kam wie es kommen musste, die TuS erzielte in der Zeit das 1:0. Viele werden jetzt sagen: »Aaach komm, weltweit verpassen Zehntausende Menschen im Stadion Tore, weil sie auf Klo gehen oder Wurst holen. Dafür hälst du uns alle hin?« 

Wäre es ein gewöhnliches Spiel und ein gewöhnliches Tor, hätte ich diesen Augenblick acht Jahre später wahrscheinlich nicht so klar im Gedächtnis. Doch das Tor hatte etwas besonderes. Ein Name: Michael Stahl. Es war kein gewöhnliches Tor, kein gewöhnlicher Gegner, kein gewöhnlicher Abend, keine gewöhnliche Atmosphäre.

Alles an diesem Tor war magisch. In der 60. Minute des Spiels fasst sich »Stahli« ein Herz und hämmert den als Klärungsversuch geplanten Ball aus 60(!!) Metern über den Torwart der Berliner. Unsere TuS führte gegen den Tabellenführer der 2. Bundesliga mit 1:0 und Talent Michael Stahl hatte soeben aus 60 Metern eine Bude gemacht, von dem man seinen Kindern erzählen wird. Zudem wurde das Ding völlig zurecht zum Tor des Jahres 2010 gewählt. 

Stadionsprecher Dirk Köster brüllte ins Mikrophon: »Ich werde verrückt!!! Ein Wahnsinnstor für TuS!!!!!«. Im Fernsehen war von einem Kunstwerk die Rede. Wer sich das Tor ansieht wird feststellen, dass das weit untertrieben ist.

Und die zuvor angesprochenen Osterhasen standen am Würstchenstand und weinen noch heut Rotz und Wasser, in diesem Moment gefehlt zu haben, als sich 7015 Koblenzer in den Armen lagen. Die TuS gewann das Spiel 2:1 und zog in die nächste Runde des Pokals ein.

Die Tragik des Fehlens wird erhöht, wenn man sich den weiteren Werdegang des Vereins anschaut. Nie wieder konnte die TuS an diese Erfolge und besonderen Momente anknüpfen, uns bleibt nur die Erinnerung an diese Tore und Erfolge. Und vier der sechs Freunde waren dabei. 



Deniz