Die Schönheit des Tornetzes

Gut gespannt

Unser Autor liebt große Tornetze. Blöd nur, dass die Vereine allerorten auf weiße Einheitsversionen setzen.

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Ich steh‘ auf Tornetze.

Schön weit nach hinten müssen sie reichen, gut gespannt sein und im Idealfall sind die Maschen nicht viereckig, sondern oval.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Weltmeisterschaft 1994. Die ist bis heute mein Lieblingsturnier. Nicht wegen des Fußballs, der war lausig. Auch nicht wegen Effenbergs Stinkefinger, Letschkows Kopfball oder Baggios Zopf. Meine Gedanken kreisen um die Netze. In allen Stadien der USA hingen diese herrlich weit gespannten Dinger.

Vom scheinbar endlosen Netz verschluckt

Da wurde selbst Schweden gegen Saudi-Arabien zu einem Fest. Bei einem Tor von Kennet Andersson, ich weiß es noch genau, sprang der Ball zuerst an den Innenpfosten und wurde dann vom scheinbar endlosen Netz verschluckt. So wie Jona vom Wal.

Heute gibt es solche Netze nicht mehr. Schon gar nicht in der Bundesliga mit all ihren weißen Einheitsversionen in Berlin, Leverkusen oder Hannover. Selbst in Portugal und Brasilien, früher Hochburgen der Netzkultur, hängen mittlerweile die gängigen, knappen Modelle.

Hier war die Welt noch in Ordnung

Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich neulich in Spanien an einem Bolzplatz vorbei kam und eine Entdeckung machte. Das Gras war schon lange nicht mehr gemäht worden, von den Torpfosten, rund und rostig, blätterte Farbe ab. Nur die Netze waren noch intakt. Majestätisch hingen sie an zwei Eisenstangen hinter dem Tor herunter, unersättlich in ihrem Appetit nach Bällen. Hier war die Welt noch in Ordnung.

An den nächsten Tagen ging ich jeden Abend zum Platz, immer in der Hoffnung, ein Spiel könnte dort stattfinden und jemand würde sich erbarmen, den Ball für mich in die Maschen zu wuchten.

Drei Abende lang passierte nichts. Am vierten sah ich schon von weitem einen alten Mann, wie er sich, auf einer Leiter stehend, an den Netzen zu schaffen machte. Mein Schritt wurde schneller, ich wollte ihm zurufen: Señor! Por favor! Finger weg! Als ich am Platz ankam, stand da ein großes Schild. Seine Buchstaben blickten mich grimmig an, mit der Strenge eines Gefängnisaufsehers verkündeten sie: Dieser Platz wird in Kürze renoviert.